Nun erschien ein jüngerer Sebastian auf der Leinwand. Schmaler, in einem zerknitterten Hemd. Er stand bei den Garagen, die Michael Otto ihm damals überlassen hatte, und hielt ein Schnapsglas in der Hand. Es war der Hochzeitstag; im Hintergrund sah man ein Festzelt, Musik drang herüber. Zwei Freunde standen neben ihm.

„Ich liebe sie nicht. Kein bisschen“, sagte Sebastian und kippte das Glas hinunter. „Aber ihr Vater hat Kontakte zur Stadtverwaltung und Grundstücke. Zehn Jahre halte ich das schon aus, bis ich auf eigenen Beinen stehe. Danach suche ich mir eine richtige Frau. Nicht diese Apothekerin.“

Seine Freunde brüllten vor Lachen. Sebastian schenkte nach.

Michael Otto stand langsam auf. Sein Gesicht war aschgrau, die Lippen fest zusammengepresst. Erst sah er auf den Bildschirm, dann lange und schwer zu seinem Schwiegersohn hinüber.

„Sebastian“, sagte er leise. „War das dein Ernst?“

Sebastian zuckte zusammen, öffnete den Mund, brachte aber kein Wort heraus. Noah hatte bereits die nächste Datei gestartet. Dokumente erschienen. Kreditverträge. Kontoauszüge. Alles in Großaufnahme, jede Verbindung sichtbar: wie Sebastian Darlehen über Sophies Firma aufgenommen hatte, wie Geld auf Emilys Konten geflossen war und wie er geplant hatte, seine Frau mit den Schulden zurückzulassen.

„Die Kopien liegen beim Finanzamt“, sagte Sophie Kraus ruhig, doch ihre Stimme trug bis in die letzte Ecke des Saals. „Und bei meinem Anwalt. Die Garagen, das Grundstück, der Fuhrparkbetrieb — alles läuft auf meinen Namen. Du, Sebastian Krüger, warst nur der Geschäftsführer. Ab heute bist du das nicht mehr. Die Kredite gehören dir. Die Schulden ebenfalls. Und das Unternehmen bleibt in der Familie. In meiner Familie.“

Sie erhob sich und machte einen Schritt auf ihn zu. Sebastian wich zurück.

„Hast du wirklich geglaubt, ich merke nichts?“ Sophie sprach leise, aber jedes einzelne Wort traf wie ein Schlag. „Ein halbes Jahr lang habe ich zugesehen, wie du alles vorbereitet hast. Wie du dieses Mädchen in mein Haus gebracht hast, während ich arbeiten war. Wie du mit ihr darüber geredet hast, was ich angeblich wert bin. Ich habe geschwiegen und Beweise gesammelt. Weil ich wusste, dass du genau diesen Tag wählen würdest. Meinen Jahrestag. Vor allen Leuten. Damit du mich demütigen kannst. Damit alle sehen, wie stark du bist.“

Sebastian öffnete den Mund, doch kein Laut kam heraus.

„Und jetzt verschwinde“, sagte Sophie. „Aus diesem Saal. Aus meinem Leben. Und richte Emily Koch aus, dass sie im Fuhrparkbetrieb keine Stelle mehr bekommt.“

Sebastian zuckte in Richtung Ausgang, aber Michael Otto stellte sich ihm in den Weg. Ohne ein Wort. Er stand einfach da und sah ihn an. Sebastian ballte die Hände zu Fäusten, senkte dann den Kopf und stürmte zur Tür. Hinter ihm pfiff jemand. Eine andere Stimme rief: „Schande!“ Dann knallte die Tür ins Schloss.

Im Saal kam Bewegung auf. Erst zögerlich, dann lauter. Jemand trat zu Sophie und drückte ihr die Hand. Mehrere Frauen umringten sie, redeten durcheinander, versuchten sie zu trösten. Sophie nahm es nur halb wahr. Ihr Blick hing an dem Ring, der auf dem Tisch lag. Klein, abgenutzt, unscheinbar. Fünfzehn Jahre hatte sie ihn getragen — und nun stellte sich heraus, dass er nichts bedeutet hatte.