Michael Otto kam zu ihr und legte ihr den Arm um die Schultern.

„Verzeih mir, mein Mädchen“, sagte er heiser. „Ich habe ihn damals selbst in dein Leben gebracht.“

„Du wolltest mir helfen, Papa“, antwortete Sophie. „Du kannst nichts dafür, dass er so geworden ist.“

„Trotzdem. Verzeih mir.“

Sophie lehnte sich an ihren Vater. Erst in diesem Moment spürte sie, wie erschöpft sie war. Wie fest sie den ganzen Abend die Zähne zusammengebissen hatte. Wie steif ihre Schultern waren. Tränen kamen keine. Nur Leere. Und daneben eine seltsame, fast leichte Erleichterung.

„Komm, ich fahre dich nach Hause“, bot Michael an.

„Nein.“ Sophie schüttelte den Kopf. „Ich bleibe. Alle sollen sehen, dass ich noch hier bin. Dass ich nicht weggelaufen bin und mich nicht verstecke.“

Ihr Vater nickte und drückte ihre Hand.

Nach und nach verließen die Gäste den Saal. Manche kamen noch einmal zu ihr, sagten ein paar warme Worte, wünschten ihr Kraft. Sophie lächelte, bedankte sich, blieb aufrecht stehen. Als der Raum beinahe leer war, trat Sabine Friedrich zu ihr, die Frau eines von Sebastians Geschäftspartnern.

„Sophie, darf ich dich etwas fragen?“, sagte sie leise.

„Natürlich.“

„Du hast es doch schon länger gewusst. Mit Emily. Und mit den Krediten. Warum bist du nicht früher gegangen?“

Sophie hob den Blick. Sabine Friedrich sah sie aufmerksam an, mit Neugier, aber auch mit einer angespannten Erwartung. Als brauche sie die Antwort nicht nur für sich selbst.

„Weil er dann mit dem Geld und seinem guten Namen davongekommen wäre“, sagte Sophie ruhig. „Und ich hätte mit leeren Händen dagestanden, während alle geflüstert hätten, ich sei bestimmt selbst schuld. Ich habe auf den Augenblick gewartet, in dem er sich vor allen entlarvt. Damit niemand mehr zweifelt, wer hier was getan hat.“

Sabine nickte langsam. Eine Weile schwieg sie.

„Du bist klug“, sagte sie schließlich. „Ich halte meinen seit fünfzehn Jahren aus. Und ich habe Angst zu gehen.“

Sophie betrachtete sie ernst.

„Sammeln Sie Beweise?“

Sabine verzog den Mund zu einem kurzen, bitteren Lächeln.

„Ab jetzt werde ich damit anfangen.“

Sie drückte Sophie die Hand und ging. Sophie sah wieder auf den Ring hinunter. Dann nahm sie ihn vom Tisch.

Sie ging zum Fenster hinüber und öffnete den kleinen Kippflügel. Kalte Luft schlug ihr entgegen, scharf und klar. Einen Moment hielt sie den Ring noch zwischen den Fingern. Dann hob sie die Hand und schleuderte ihn hinaus in die Dunkelheit.

Noah Lehmann, der gerade die Geräte zusammenpackte, drehte sich erschrocken um.

„Tante Sophie, was machst du denn?“

„Ich befreie mich“, sagte sie schlicht.

Drei Tage später tauchte Sebastian Krüger wieder auf dem Gelände der Spedition auf. Er wollte hinein, doch der Wachmann ließ ihn nicht passieren. Vor dem Tor brüllte er herum, fuchtelte mit den Armen und verlangte, man solle ihn sofort durchlassen. Genau in diesem Moment fuhr Sophie mit ihrem Vater vor; sie brachte Unterlagen für den neuen Geschäftsführer.

Sebastian stürzte auf ihr Auto zu.

„Sophie, das kannst du nicht machen!“, schrie er. „Das ist mein Betrieb! Ich habe ihn aufgebaut!“