Sophie ließ die Scheibe herunter.
„Mit meinem Geld und den Kontakten meines Vaters“, erwiderte sie ruhig. „Du hast ihn nur verwaltet. Jetzt nicht mehr. Geh zu Emily Koch. Vielleicht baut sie dich ja wieder auf.“
„Sie ist weg!“, stieß Sebastian hervor. „Kaum hat sie von den Schulden erfahren, war sie verschwunden!“
Ein kurzes, trockenes Lächeln huschte über Sophies Gesicht.
„Sieh an. Dann warst du ihr offenbar auch zuwider. Nur war sie klüger als ich und hat es früher begriffen.“
Sebastian erstarrte. Sein Gesicht verzog sich, als hätte sie ihn geschlagen. Er machte einen Schritt nach vorn, doch Michael Otto stieg bereits aus dem Wagen. Langsam, schwerfällig, aber bestimmt stellte er sich neben seine Tochter.
„Geh, Sebastian“, sagte er müde. „Solange es noch friedlich geht.“
Noch einige Sekunden blieb Sebastian stehen. Dann wandte er sich ab und trottete davon, gebeugt, plötzlich alt wirkend.
Sophie sah ihm nach. In ihr regte sich weder Mitleid noch Wut. Nur eine Leere blieb zurück, dort, wo fünfzehn Jahre lang Schmerz gewesen war.
Am Abend saß sie mit ihrem Vater in der Küche. Michael goss sich Tee ein, während Sophie aus dem Fenster blickte. Draußen senkte sich die Dunkelheit über die Straße.
„Wie geht es dir?“, fragte er leise.
„Es geht“, antwortete sie.
Dann schwieg sie kurz und fügte hinzu:
„Seltsam ist nur, dass ich fünfzehn Jahre lang geglaubt habe, mit mir stimme etwas nicht. Ich sei nicht schön genug, nicht spannend genug, nicht liebenswert genug. Ich dachte, ich wäre schuld daran, dass er so kalt zu mir war. Und jetzt sehe ich: Es lag nie an mir. Er hat mich einfach nie geliebt. Nicht einmal am Anfang.“
Michael Otto sagte eine Weile nichts. Schließlich senkte er den Blick.
„Weißt du, was mich am meisten quält? Ich trage auch Schuld. Ich habe ihn dir damals ja noch nahegelegt. Ich dachte, er sei ein ordentlicher Kerl, fleißig, jemand, der sich etwas aufbaut. Dabei hatte er wohl schon damals alles berechnet.“
„Papa, hör auf.“ Sophie legte ihre Hand auf seine. „Du wolltest, dass ich glücklich werde. Er wollte Geld. Das ist nicht dasselbe.“
Ihr Vater nickte, doch die Traurigkeit blieb in seinen Augen.
„Und was machst du jetzt?“
Sophie hob die Schultern.
„Arbeiten. Leben. Ich habe die Apotheke, ich habe dich, ich habe Verantwortung. Ich habe einem Mann so viele Jahre geschenkt, der mich verachtet hat. Vielleicht ist es Zeit, endlich für mich selbst zu leben.“
„Willst du irgendwann wieder heiraten?“
Sie schnaubte leise.
„Ich weiß es nicht. Im Moment möchte ich nicht einmal daran denken. Ich will nur Ruhe. Und niemanden mehr, der mir einredet, ich sei abstoßend.“
Sie schwiegen. Vor dem Fenster flammten vereinzelt Straßenlaternen auf. Michael trank seinen Tee aus und stand auf.
„Gut, mein Mädchen. Ich fahre nach Hause. Wenn irgendetwas ist, rufst du mich an. Egal wann.“
„Danke, Papa.“
Als er gegangen war, blieb Sophie allein zurück. Sie setzte sich an den Tisch, verschränkte die Arme und legte den Kopf darauf. Erst jetzt, in der stillen, leeren Küche, ließ sie die Tränen kommen. Nicht aus Schmerz. Nicht aus Kränkung. Sondern aus Erleichterung. Weil sie nicht länger so tun musste, als wäre alles in Ordnung. Weil sie keine kalten Berührungen und hohlen Worte mehr ertragen musste. Weil sie nicht mehr glauben musste, sie selbst sei schuld.