
„Seien Sie lieber froh, dass ich Sie halte.“ sagte er und drehte den Siegelring an seinem kleinen Finger, während Hannah sich innerlich zusammenzog
Ungerecht und demütigend, dennoch erstaunlich standhaft geblieben
– Hannah Lang, kommen Sie bitte kurz herein.
Ich legte den Bericht beiseite, an dem ich seit sieben Uhr morgens saß. Der Kaffee in meiner Tasse war längst kalt geworden; nicht einmal zu einem einzigen Schluck war ich gekommen. Christian Lehmann stand in der Tür seines Büros, drehte den Siegelring an seinem kleinen Finger und blickte über meinen Kopf hinweg. So sah er Menschen immer an: nicht direkt, sondern irgendwo an ihnen vorbei. Als bestünde man aus Glas.
Zum letzten Mal hatte ich vor vier Jahren eine Gehaltserhöhung bekommen. Sechshundertachtzig Euro. Seitdem keinen Euro mehr. Achtmal war ich mit Zahlen, Diagrammen und Tabellen in dieses Büro gegangen. Achtmal hatte ich dieselbe Antwort gehört.
– Setzen Sie sich, – sagte er und deutete auf den Stuhl. – Den Quartalsbericht habe ich gesehen. Ordentliche Arbeit. Aber Sie wissen selbst, dass jetzt kein guter Zeitpunkt ist, um Gehälter neu zu verhandeln.
Ich nahm Platz. Unter dem Stoff war die Polsterung durchgesessen. Ich hatte so oft auf diesem Stuhl gesessen, dass mir jede Vertiefung vertraut war.

– Herr Lehmann, meine Kunden haben dem Unternehmen im vergangenen Jahr hundertvierzigtausend Euro Umsatz gebracht. Drei Hauptverträge laufen über mich. Zwölf kleinere ebenfalls. Ich betreue diese Kunden seit acht Jahren.
Er hob nur die Hand. Der Ring blitzte im Licht der Deckenlampe.
– Hannah, fangen Sie nicht wieder damit an. Sie leisten gute Arbeit, das bestreitet niemand. Aber der Markt ist schwierig, das sehen Sie doch selbst. Seien Sie lieber froh, dass ich Sie halte.
Seien Sie froh. Diesen Satz hatte ich in den letzten sechs Monaten bereits zum dritten Mal gehört. Und jedes Mal zog sich etwas in mir zusammen. Nicht aus Kränkung. Nein, dafür war ich zu müde. Es war eher, als schleppe man einen Koffer ohne Griff, und jemand sagte einem: Freu dich, immerhin hast du überhaupt einen Koffer bekommen.
Auf meinem Schreibtisch stand ein Kaktus. Klein, in einem Tontopf mit einem Riss an der Seite. Ich hatte ihn mitgebracht, als ich hier angefangen hatte, vor acht Jahren. Er hatte drei Umzüge von einem Büro ins andere überstanden, zwei Renovierungen und einmal Wasser, das durch die Decke getropft war. Abgesehen von mir war er das einzig Lebendige an meinem Arbeitsplatz.
Ich ging zurück an meinen Tisch, öffnete die Datei wieder und arbeitete weiter.
Und wenn er recht hat? Wenn ich tatsächlich ohne Mühe zu ersetzen bin?
Am Abend fuhr ich im Bus nach Hause. Draußen glitten die Laternen an den Fenstern vorbei, und bei jedem Schlagloch vibrierte die Scheibe. Die Frau neben mir war eingeschlafen und lehnte mit der Stirn an der Trennwand. Ich betrachtete meine Hände: kurz geschnittene Nägel, trockene Haut. Hände, die acht Jahre lang getippt, telefoniert, gerechnet hatten. Hundertvierzigtausend Euro Umsatz waren durch diese Hände gegangen.
Sechshundertachtzig Euro im Monat.
Zu Hause wärmte ich mir die Suppe vom Vortag auf und aß sie im Stehen am Herd. Mein Sohn war längst erwachsen und wohnte für sich. Die Wohnung war still. Nur der Kühlschrank summte, und irgendwo hinter der Wand murmelte bei den Nachbarn ein Fernseher.
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