Ich spülte den Teller ab. Stellte ihn in den Abtropfkorb. Dann dachte ich: Morgen wieder. Übermorgen auch. Und in einem Monat noch genauso.

Vier Jahre lang derselbe Kreis.

Mila Engel kam im September.

Christian Lehmann stellte sie in der kurzen Morgenrunde vor: „Unsere neue Managerin. Sie wird die Abteilung verstärken.“ Zweiunddreißig Jahre alt, weiße Bluse, Absätze auf den Fliesen – klack, klack, klack. Dazu ein Lächeln, bei dem man unwillkürlich prüfen wollte, ob noch alles in der Tasche war.

Ich hatte nichts gegen sie. Wirklich nicht. Arbeit gab es mehr als genug. Die zwölf kleineren Kunden fraßen jeden Tag einen halben Arbeitstag allein mit E-Mails, und die drei großen Verträge verlangten Termine, Präsentationen und Anrufe am Wochenende. Ich wusste kaum noch, wann ich an einem Samstag einfach auf dem Sofa gelegen hatte.

Mila Engel setzte sich an den Nachbartisch. Ihr Arbeitsplatz roch sofort nach Vanilleparfüm, süß, schwer und aufdringlich. Am Ende der ersten Woche hing dieser Duft in der ganzen Ecke. Ich öffnete das Fenster, doch Mila fror und machte es jedes Mal wieder zu.

– Herr Lehmann, ich habe ein Konzept zur Erweiterung des Pakets für die Orion-Gruppe vorbereitet, – sagte ich bei der Besprechung am Freitag.

Dreieinhalb Jahre betreute ich diesen Vertrag bereits. Den Geschäftsführer Emil Heinrich kannte ich nicht nur dem Namen nach. Ich wusste, wann seine Frau Geburtstag hatte, dass er seinen Tee ohne Zucker trank und dass er Unpünktlichkeit nicht ausstehen konnte.

– Gut. Geben Sie die Unterlagen an Mila weiter. Sie soll das zu Ende führen.

Ich blinzelte.

– Wir haben am Mittwoch einen Termin. Dort erwartet man ausdrücklich mich.

– Hannah Lang, Mila bringt einen frischen Blick mit. Delegieren wird Ihnen guttun, – sagte er und lächelte, als hätte er mir gerade einen Gefallen erwiesen.

Also gab ich die Unterlagen weiter. Siebzehn Seiten. Drei Wochen Vorbereitung. Mila blätterte sie in der Mittagspause durch, während sie ein belegtes Brötchen aß. Krümel fielen direkt auf das Deckblatt. Ich sah es. Und schwieg.

Dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

Am Monatsende schickte die Buchhaltung die allgemeine Gehaltsübersicht an die falsche Adresse. Nicht an Christian Lehmann, sondern an mich. Ich öffnete die Mail automatisch, ohne nachzudenken. Und dann standen die Zahlen vor mir.

Mila Engel bekam neunhundertdreißig Euro.

Ich bekam sechshundertachtzig.

Zweihundertfünfzig Euro mehr. Eine Frau, die seit zwei Monaten hier war und sich noch immer nicht den Nachnamen des Finanzdirektors merken konnte, verdiente ein Viertel mehr als ich – nach acht Jahren im Unternehmen und mit hundertvierzigtausend Euro Umsatz auf meinen Kunden.

Meine Hände schlossen die E-Mail von selbst. Die Finger fühlten sich eiskalt an, als hätte ich ein Glas mit gefrorenem Wasser gehalten.

Es war keine Wut. Nein. Etwas anderes, Leiseres. Wie das Geräusch, wenn Glas einen Sprung bekommt: Es zerbricht nicht sofort, zuerst zieht sich nur eine feine Linie hindurch. Man sieht sie an. Und begreift: Bald gibt es kein Zurück mehr.