In jener Woche hätte Mila Engel die Orion-Gruppe beinahe verloren. Sie vergaß, die aktualisierte Preisliste zu schicken, verwechselte die Lieferbedingungen und nannte den Geschäftsführer Emil Heinrich im Termin zweimal Erik Heinrich.

Emil Heinrich rief mich persönlich an. Seine Stimme klang trocken und gereizt.

„Hannah, was ist bei Ihnen los?“, fragte er ohne jede Einleitung. „Ich arbeite mit Ihrer Firma im Grunde nur wegen Ihnen. Wer ist dieses Mädchen?“

Ich rief Mila Engel zurück, ging mit ihr Punkt für Punkt die Fehler durch, korrigierte die Preisliste selbst und schickte Emil Heinrich anschließend eine neue Mail mit den richtigen Zahlen. Danach wählte ich noch einmal bei der Orion-Gruppe durch, klärte jede Einzelheit, verglich jede Position, jede Lieferklausel, jede Zahl.

Der Vertrag blieb.

Sechs Stunden meines freien Tages gingen dafür drauf. Ohne Bezahlung. Ohne Dank.

Bei der nächsten kurzen Teambesprechung stellte Christian Lehmann sich vor uns und verkündete:

„Mila hat die Sache mit der Orion-Gruppe hervorragend gelöst. Genau so stelle ich mir Arbeit vor. Nehmen Sie sich ein Beispiel daran.“

Dabei sah er mich an.

Mila lächelte. Ihr Vanilleparfum hing schwer im Besprechungsraum, süß und klebrig, und plötzlich wurde mir übel. Nicht bildlich. Richtig körperlich, als hätte ich zu viel Zuckerguss gegessen.

Ich sagte nichts.

Aber an diesem Abend, zu Hause, öffnete ich zum ersten Mal seit vier Jahren wieder ein Stellenportal. Nicht aus Neugier. Nicht, um „nur mal zu schauen“. Sondern ernsthaft.

Meine Finger schwebten über der Tastatur und rührten sich nicht. Mein Lebenslauf war völlig veraltet. Dort stand immer noch „Vertriebsmanagerin“. In Wahrheit erledigte ich längst die Arbeit einer Abteilungsleiterin. Nur Christian Lehmann sah das nicht. Oder er wollte es nicht sehen.

Die Februarsitzung fand im großen Konferenzraum statt. Zehn Leute aus dem Vertrieb, dazu zwei Praktikanten und Christian Lehmann am Kopfende des langen Tisches. Draußen trieb der Wind Schnee gegen die Fenster, unter der Fensterbank knackte die Heizung beim Warmwerden. Von irgendeinem Mantel an der Garderobe stieg der Geruch nasser Wolle auf.

Christian klickte sich durch die Präsentation.

Meine Präsentation.

Ich hatte sie vorbereitet: die Auswertung für Januar. Zweiunddreißig Folien. Vier Abende zusätzlich zur normalen Arbeit.

„Monatsergebnisse“, sagte er knapp. „Hannah, übernehmen Sie.“

Ich stand auf und begann mit den Zahlen. Bei Vektor ein Plus von achtzehn Prozent. Bei der Orion-Gruppe zwölf Prozent. Bei der BauAllianz sieben Prozent.

„Moment.“ Christian hob die Hand. „Sieben Prozent nennen Sie Wachstum? Das ist peinlich. Mila, sagen Sie mal: Würden Sie sieben Prozent akzeptieren?“

Mila richtete sich auf. Der steife Kragen ihrer Bluse raschelte.

„Natürlich nicht“, antwortete sie sofort. „Unter fünfzehn Prozent sollte man gar nicht erst zufrieden sein. Da müsste man den gesamten Ansatz überdenken.“

„Genau!“ Christian schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Hören Sie das, Hannah? Frischer Blick. Manchmal kann man von den Jüngeren noch etwas lernen.“