Ich stand vor der Leinwand. Zehn Augenpaare waren auf mich gerichtet. Die Heizung knackte erneut, und irgendwo am Tisch räusperte sich jemand verlegen, als wolle er sich dafür entschuldigen, Zeuge dieser Szene zu sein.

„Die BauAllianz ist ein schwieriger Kunde“, sagte ich ruhig. „Zwei Jahre lang gab es dort überhaupt keine Steigerung. Diese sieben Prozent sind das Ergebnis von fünf Monaten Verhandlung. Vierzehn Termine.“

Christian Lehmann ließ mich nicht ausreden.

„Hannah“, sagte er und beugte sich vor, „ich habe eine Entscheidung getroffen. Mila wird ab sofort Senior Managerin. Sie berichten ihr künftig zu BauAllianz und Vektor.“

Es wurde still.

Nicht einfach still. Dicht. Dumpf. Wie Watte in den Ohren.

Jemand ließ einen Kugelschreiber fallen. Er rollte über die Tischplatte, kippte über die Kante und schlug auf dem Boden auf. Niemand hob ihn auf.

Sie ist seit fünf Monaten hier. Ich seit acht Jahren. Meine Kunden. Meine Zahlen. Meine vierzehn Millionen.

„Mila bringt einen neuen Ansatz mit“, fuhr Christian fort. „Ich brauche Ergebnisse, keine Dienstjahre. Seien Sie froh, dass ich Sie überhaupt halte, Hannah.“

Schon wieder dieser Ton.

Ich sammelte meine Unterlagen ein. Wortlos. Dann verließ ich den Raum, ging den Flur entlang und blieb erst an meinem Schreibtisch stehen. Meine Beine fühlten sich weich an, als gehörten sie nicht zu mir. Unter meinen Schritten quietschte das Linoleum leise.

Der Kaktus stand wie immer am Rand der Tischplatte. Die Erde im Topf war rissig und trocken; ich hatte vergessen, ihn zu gießen. Ich nahm einen Plastikbecher vom Wasserspender, füllte ihn und kippte das Wasser vorsichtig in den Topf.

Meine Hände zitterten nicht mehr.

Dann öffnete ich wieder das Stellenportal.

Diesmal endgültig.

Innerhalb von drei Tagen überarbeitete ich meinen Lebenslauf vollständig. Ich strich alte Formulierungen, schrieb alles neu: acht Jahre Erfahrung, vierzehn Millionen Umsatz, drei zentrale Großverträge, zwölf kleinere Kunden. Fakten. Zahlen. Ergebnisse. Kein überflüssiges Wort.

Nach einer Woche kamen drei Rückmeldungen. Nach zwei Wochen hatte ich ein Vorstellungsgespräch.

Renova-Trade. Ein direkter Wettbewerber. Das Büro lag am anderen Ende von Berlin, aber das spielte für mich keine Rolle mehr.

Die kaufmännische Direktorin war eine Frau um die fünfzig, mit aufmerksamen Augen und einem Stift in der Hand, mit dem sie nicht schrieb, sondern nachdachte. Während ich sprach, drehte sie ihn langsam zwischen den Fingern. Hinter dem Fenster spannte sich ein hellblauer Februarhimmel über verschneite Dächer.

„Frau Lang“, sagte sie schließlich, „ich habe mir Ihre Zahlen angesehen. Vierzehn Millionen Umsatz sind kein Zufall. Wir würden Ihnen die Leitung eines Kundenbereichs anbieten. Festgehalt: 1.200 Euro. Dazu eine Beteiligung an neu gewonnenen Verträgen.“

1.200.

Fast doppelt so viel.

Ich nickte, und mein Gesicht blieb unbewegt. Unter dem Tisch jedoch krallten sich meine Finger so fest in den Saum meiner Bluse, dass der Stoff Falten bekam.

„Ich brauche zwei Wochen“, sagte ich.