— Nein. Ich habe hervorragend überlebt. Das ist nicht dasselbe.
Teil 6 — Die Schwester, die ihr Leben haben wollte, bat nun um Gnade
Der Festsaal war vollständig für die Feier vorbereitet.
Kristalllüster funkelten über goldgeränderten Tellern, Champagnerpyramiden und einer Torte, die so hoch war, dass man für ihren Bau beinahe eine architektonische Genehmigung gebraucht hätte. Hinter dem Brauttisch schimmerten die Initialen „L“ und „A“ aus weißen Rosen.
Nun sah dieser Saal aus wie ein Museum einer Zukunft, die niemals eintreten würde.
Die Gäste standen in kleinen Gruppen beieinander und sprachen gedämpft, aber aufgeregt miteinander. Einige verließen das Anwesen. Andere blieben, denn ein Skandal hält Menschen oft stärker fest als jede Etikette.
Hannah stand auf der Terrasse mit Blick auf den See und versuchte, wieder Luft zu bekommen.
Der Wind bewegte sanft den Saum ihres roten Kleides.
Hinter ihr erklangen Schritte.
Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Laura war.
— Hannah.
Die Stimme ihrer Schwester klang heiser und gebrochen.
Hannah schloss für einen Moment die Augen, dann wandte sie sich um.
Laura hatte den Schleier abgenommen. Wimperntusche zog dunkle Spuren über ihre Wangen. Ohne den makellosen Glanz einer Braut wirkte sie viel jünger. Kleiner. Fast wie das kleine Mädchen, das früher bei Gewitter in Hannahs Bett gekrochen war.
Fast.
— Was willst du? — fragte Hannah.
Laura knetete ihre Finger.
— Ich wusste nichts von den Betrügereien.
— Das glaube ich dir.
Erleichterung huschte über Lauras Gesicht.
Dann fügte Hannah hinzu:
— Aber vom Verrat wusstest du.
Laura zuckte zusammen.
— Ich war dumm.
— Du warst grausam.
— Ich habe ihn geliebt.
— Nein, — sagte Hannah scharf. — Du hast es geliebt zu gewinnen.
Lauras Tränen liefen schneller.
— Du hattest immer alles, — platzte es plötzlich aus ihr heraus. — Papa hörte dir zu. Die Lehrer lobten dich. Alle sagten ständig, wie verantwortungsvoll du bist, wie klug, wie stark. Weißt du überhaupt, wie es ist, neben so jemandem zu stehen?
Hannah sah sie lange an.
Ein kurzes Lachen entwich ihr, freudlos und erschöpft.
— Und weißt du, wie es ist, dafür bestraft zu werden, dass man stark wirkt? — fragte sie. — Jedes Mal, wenn ich innerlich zerbrach, legte man mir noch mehr Last auf die Schultern, weil ich so aussah, als könnte ich sie tragen.
Laura senkte den Blick.
— Ich dachte… wenigstens einmal würde man mich zuerst wählen.
— Und deshalb hast du den Mann genommen, der sich bereits für mich entschieden hatte?
Laura flüsterte:
— Ja.
Diese Ehrlichkeit verletzte tiefer als jede Ausrede.
Eine Weile schwiegen die Schwestern.
Dann streckte Laura die Hand nach ihr aus.
— Bitte hasse mich nicht.
Hannah trat einen Schritt zurück.
Lauras Hand blieb in der Luft hängen.
— Ich hasse dich nicht, — sagte Hannah. — Aber ich lasse dich mir nicht länger wehtun.
Ihre Schwester weinte lautlos.
Aus dem Saal trat Maria auf die Terrasse.
— Hannah, — sagte sie scharf. — Jetzt reicht es. Deine Schwester hat einen furchtbaren Schock erlitten.
Hannah drehte sich langsam zu ihr um.