Ihre Mutter schickte ihr eine Sprachnachricht.
„Hannah, bitte komm. Wenn du nicht erscheinst, werden die Leute anfangen zu reden. Außerdem, mein Kind, irgendwann muss man solche Dinge hinter sich lassen.“
In jener Nacht verließ Hannah ihre Wohnung, ohne ein Ziel zu haben. Sie ging einfach los, bis sie sich schließlich in der Bar eines luxuriösen Hotels an der Reforma wiederfand — in einem schlichten schwarzen Kleid, mit Augen voller Tränen, denen sie nicht erlaubte, überzulaufen.
Sie bestellte einen Mezcal.
Noch bevor sie den ersten Schluck nehmen konnte, trat ein Mann in einem blauen Anzug an ihren Tisch.
— Na, Püppchen, würdest du dich vielleicht umsetzen? — fragte er mit einem schiefen, spöttischen Grinsen. — Ich brauche diesen Tisch für wichtige Leute. Du kannst dich da hinten an den Rand setzen, dann bist du niemandem im Weg.
Hannah hob den Blick.
— Ich war zuerst hier.
Der Mann lachte leise.
— Ach, bitte, fang jetzt nicht auch noch mit Theater an. Mit deinen Formen nimmst du sowieso mehr Platz ein als nötig, findest du nicht?
Für einen Moment schien die ganze Welt um sie herum stillzustehen.
Es war wieder Alexander.
Es war Laura.
Es war ihre Mutter.
All die Demütigung, die sie in den vergangenen Monaten geschluckt hatte, kehrte auf einmal zurück — nur diesmal kam sie aus dem Mund eines Fremden.
Doch noch ehe Hannah etwas erwidern konnte, erklang hinter dem Mann eine Stimme.
— Entschuldigen Sie sich.
Die Stimme war leise. Ruhig. Und absolut tödlich.
Der Mann drehte sich genervt um, als wolle er den Störenfried zurechtweisen. Doch kaum erkannte er, wer hinter ihm stand, wich ihm augenblicklich jede Farbe aus dem Gesicht.
Teil 2
Der Mann im blauen Anzug warf nur einen einzigen Blick auf die Person hinter sich — und vergaß offenbar, wie man atmet.
Hannah bemerkte es sofort.
Sein überhebliches Lächeln verschwand. Seine Schultern sanken nach unten. Das Glas in seiner Hand zitterte plötzlich so stark, dass die Eiswürfel darin kläglich gegen die Wandung klirrten.
— Señor … — brachte er nur flüsternd hervor.
Der Mann, der hinter ihm stand, war groß, breitschultrig und vollkommen reglos. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, ein Hemd mit offenem Kragen und keine Krawatte. Es wirkte, als müsse er sich um Eleganz nicht bemühen, weil sie sich ihm von selbst unterordnete. Sein pechschwarzes Haar war an den Schläfen von ersten silbernen Strähnen durchzogen. Sein Blick war kühl, fest und undurchdringlich.
Aber nicht sein Aussehen jagte dem Mann Angst ein.
Es war sein Name.
Denn in den exklusiven Kreisen von Mexiko-Stadt kannte ihn jeder.
Lukas Alcázar.
Der Mann, über den Investoren nur hinter geschlossenen Türen sprachen. Der Mann, dem Politiker mit beiden Händen entgegenkamen. Der Mann, den Geschäftsleute panisch davor fürchteten zu verärgern, weil er ein Unternehmen mit einem einzigen Telefonat ruinieren konnte — ohne dabei auch nur die Stimme zu heben.
Lukas wiederholte seine Aufforderung nicht.
Er sah den Mann lediglich an.
Und wartete.
Der Mann im blauen Anzug schluckte mühsam.
— Ich … ich wusste nicht, dass sie zu Ihnen gehört.