— Sie gehört nicht zu mir, — sagte Lukas scharf.
Nach diesen Worten wurde die Stille noch schwerer.
Hannah spürte, wie selbst der Barkeeper erstarrte. Die Gespräche an den Nachbartischen zerfielen zu nervösem Tuscheln.
Lukas machte einen Schritt nach vorn.
— Ich habe gesagt, Sie sollen sich entschuldigen.
Der Mann wandte sich Hannah zu. Auf seiner Stirn glänzte plötzlich Schweiß.
— Señorita, verzeihen Sie bitte. Ich bin zu weit gegangen.
Hannah betrachtete ihn lange.
Vor einem Jahr hätte sie vielleicht den Blick gesenkt. Sie hätte die Entschuldigung hastig angenommen, nur damit diese unangenehme Szene endlich vorbei gewesen wäre.
Doch an diesem Abend war in ihr bereits so vieles zerbrochen, dass die Scherben inzwischen scharf geworden waren.
Sie hob das Kinn.
— Sie sind nicht einfach zu weit gegangen, — sagte sie ruhig. — Sie haben nur gezeigt, wer Sie wirklich sind.
Der Mann zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen.
Lukas’ Mundwinkel bewegten sich kaum merklich. Doch Hannah glaubte, in seinem Blick für den Bruchteil einer Sekunde Zustimmung zu erkennen.
— Verschwinden Sie, — befahl er.
Der Mann war so schnell weg, dass er beinahe einen Kellner umrannte.
Erst danach wandte Lukas sich ihr zu.
— Geht es Ihnen gut?
Hannah stieß ein leises, tonloses Lachen aus.
— Ich hatte schon bessere Dienstage.
Sein Blick fiel auf die cremefarbene Hochzeitseinladung, die neben ihrem unberührten Mezcal auf dem Tisch lag. Die goldenen Buchstaben schimmerten schwach im warmen Licht der Bar.
Er las die Namen.
Etwas in seinem Gesicht veränderte sich.
— Sie sind Hannah Salgado.
Sie wurde sofort wachsam.
— Kennen wir uns?
— Nein, — sagte er nach kurzem Zögern. — Aber ich kenne Alexander Ledesma.
Natürlich kannte er ihn.
Inzwischen kannten alle wichtigen Menschen der Stadt Alexander. Genau das war ja der Grund gewesen, weshalb Alexander sie abgestreift hatte wie einen alten Mantel.
Hannah griff nach der Einladung und klappte sie zu.
— Dann gratuliere ich. Sie kennen den zukünftigen Ehemann der Frau, die meinen Platz eingenommen hat.
Lukas lächelte nicht.
— Karrieristen erkenne ich sofort, — erwiderte er. — Und Alexander Ledesma klettert seit Jahren Leitern hinauf, die andere für ihn an die Wand gestellt haben.
Die Bemerkung klang seltsam.
Nicht, weil er sie verteidigte. Sondern weil er es sagte, als handele es sich um eine unumstößliche Tatsache.
Hannah nahm endlich einen Schluck Mezcal. Der Alkohol brannte angenehm in ihrer Kehle.
— Warum erzählen Sie mir das?
— Weil Sie aussehen wie jemand, dem sehr gewöhnliche Menschen eingeredet haben, sie sei wertlos.
Ihr Atem stockte.
Für einen Moment hasste sie ihn ein wenig dafür, dass er sie so genau durchschaute.
Noch mehr aber hasste sie sich selbst, weil sie plötzlich weinen wollte.
— Ich bin nicht wertlos, — sagte sie fest.
— Selbstverständlich nicht, — antwortete Lukas.
Dann deutete er auf den Stuhl ihr gegenüber.
— Darf ich?
Beinahe hätte Hannah Nein gesagt. Dieser Abend hatte ihr bereits genug Demütigung beschert. Das Letzte, was sie brauchte, war ein mächtiger Fremder, der ihren Schmerz für eine interessante Abendunterhaltung hielt.