Doch in seinem Gesicht lag kein Mitleid.
Nur Aufmerksamkeit.
— Setzen Sie sich, — sagte sie schließlich.
Er nahm Platz.
Eine Weile schwiegen beide. In der Bar kehrte langsam das normale Leben zurück, auch wenn immer wieder verstohlene Blicke zu ihrem Tisch glitten.
Lukas bestellte nichts. Er saß einfach da, als könne die ganze Welt warten, bis dieses Gespräch beendet war.
Hannah, die sich in den letzten Monaten wie unsichtbar gefühlt hatte, begriff plötzlich, dass sie sich nicht länger verstecken konnte.
— Sie haben mich zur Hochzeit eingeladen, — sagte sie schließlich.
— Das habe ich mir gedacht.
— Meine Schwester und mein Ex-Verlobter, — fügte sie mit einem bitteren Lächeln hinzu. — Meine Mutter will, dass ich hingehe. Damit die Leute nicht tratschen.
— Die Leute werden ohnehin tratschen.
— Genau das habe ich mir auch gedacht.
— Dann geben Sie ihnen wenigstens etwas, worüber es sich wirklich zu reden lohnt.
Hannah sah ihn an.
Lukas lehnte sich zurück.
— Gehen Sie hin.
Sie lachte leise auf.
— Damit ich zusehen kann, wie sie sich unter einem Feuerwerk küssen?
— Nein. Damit Sie ihnen in Erinnerung rufen, dass Sie überlebt haben.
— Das klingt sehr poetisch. In der Wirklichkeit werde ich allein auf einem Stuhl sitzen, während irgendwelche Tanten über meine Figur flüstern und meine Schwester so tut, als hätte sie gewonnen.
— Dann erscheinen Sie nicht allein.
Hannahs Finger schlossen sich fester um ihr Glas.
Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Lukas. Es war nur ein Hauch von einem Lächeln — gefährlich, kaum sichtbar und völlig unerwartet.
— Nehmen Sie mich mit.
Die Worte blieben zwischen ihnen in der Luft hängen.
Hannah starrte ihn an.
— Wie bitte?
— Als Ihre Begleitung.
— Sie kennen mich doch überhaupt nicht.
— Ich weiß genug.
— Nein, Sie wissen nur, dass mich ein betrunkener Idiot beleidigt hat und dass mein Verlobter mich wegen meiner Schwester verlassen hat.
— Ich weiß außerdem, dass Sie ihn nicht angefleht haben. Sie sind gegangen.
Sie erstarrte.
Er zeigte nicht auf sie, sondern auf die Einladung.
— Menschen wie Alexander bauen auf die Scham anderer. Sie verletzen jemanden und erwarten dann, dass die Person ihre Wunde versteckt, damit sich alle anderen wohler fühlen. Gehen Sie zu dieser Hochzeit. Lassen Sie sie sehen, dass Sie wieder aufrecht stehen können.
Hannah wollte ihn abwehren.
Das Ganze war absurd.
Theatralisch.
Unvernünftig.
Doch ihr Verstand verriet sie.
Sie stellte sich vor, wie Lauras makelloses Lächeln Risse bekam. Wie Alexanders selbstsicheres Gesicht blass wurde. Wie ihre Mutter nach ihrer Perlenkette griff, wenn Lukas Alcázar neben jener Tochter trat, der sie befohlen hatte, stark zu sein und den Mund zu halten.
Das hätte sie nicht reizen dürfen.
Tat es aber.
— Warum wollen Sie das tun? — fragte sie.
Etwas Dunkles huschte durch Lukas’ Augen, beinahe etwas Persönliches.
— Weil Alexander lernen muss, dass man ihn in Häuser gelassen hat, in die er nicht gehört.
Hannah musterte sein Gesicht aufmerksam.
— Also geht es um ihn.
— Zum Teil.
— Und der andere Teil?
Er sah sie lange an, bevor er antwortete.