— Ich verabscheue Grausamkeit, die man als Stil verkauft.

Die Hochzeit fand drei Wochen später statt.

In dieser Zeit begriff Hannah, dass die Gerüchte über Lukas Alcázar keineswegs übertrieben waren. Im Gegenteil — die Wirklichkeit wirkte noch eindrucksvoller.

Am folgenden Freitag schickte er ihr einen Wagen.

Keine Blumen.

Kein Versuch zu flirten.

Nur eine Karte, mit schwarzer Tinte geschrieben:

Sie brauchen etwas, das einem wirkungsvollen Auftritt würdig ist. Nicht, weil sie es verdient hätten. Sondern weil Sie es verdienen.

Der Wagen brachte sie zu einem geschlossenen Atelier in Lomas de Chapultepec.

Vor der Tür war Hannah kurz davor, wieder umzukehren.

Drinnen nahm ein Designer mit silberner Brille und der Präzision eines Chirurgen ihre Maße. Ohne ein einziges wertendes Stirnrunzeln. Ohne den Blick auf ihre Taille zu senken. Ohne den Vorschlag, ihre Arme besser zu kaschieren.

Er stellte nur eine Frage:

— Was sollen die Menschen empfinden, wenn Sie den Raum betreten?

Hannah wusste darauf keine Antwort.

Der Designer lächelte.

— Dann beginnen wir genau dort.

Zwei Anproben waren nötig.

Das Kleid bestand aus tief smaragdgrünem Satin. Es betonte ihre Taille, floss über ihre Hüften, ließ ihre Schultern durch einen eleganten Ausschnitt zur Geltung kommen und besaß Ärmel, die sich bei jeder Bewegung wie Schatten mitbewegten.

Als Hannah sich schließlich im Spiegel sah, erkannte sie die Frau nicht wieder, die Alexander weggeworfen hatte.

Sie sah jemanden, der größer geworden war als der eigene Schmerz.

Jemanden, dessen Leid teuer aussah.

Jemanden Gefährlichen.

Am Morgen des Hochzeitstages rief Doña Maria sechsmal an.

Die ersten fünf Anrufe ignorierte Hannah.

Beim sechsten nahm sie ab.

— Hannah, kommst du nun? — fragte ihre Mutter ohne Begrüßung. — Deine Schwester ist nervös. Mach an ihrem Tag bitte keine Szene.

— Dir auch einen guten Morgen, Mama.

— Fang nicht an. Ich muss nur wissen, ob ich den Fotografen sagen soll, sie sollen leere Stühle vermeiden.

Hannah betrachtete sich im Spiegel, während die Visagistin den letzten Hauch Lippenstift auftrug.

— Ich werde da sein.

Ihre Mutter atmete hörbar erleichtert aus.

— Gut. Dann zieh bitte etwas Anständiges an. Nichts zu Dunkles. Und sieh nicht so unglücklich aus. Die Leute könnten sonst glauben, es sei dir immer noch wichtig.

Hannah lächelte.

— Ich werde mir große Mühe geben.

Dann legte sie auf.

Das prachtvolle Anwesen in Valle de Bravo sah aus, als sei es direkt aus den Seiten eines Hochglanzmagazins herausgelöst und in die Wirklichkeit gestellt worden: steinerne Bögen, Bougainvilleen, die von den Balkonen herabhingen, lange weiße Tafeln unter riesigen Bäumen und Kristalllüster unter freiem Himmel — als hätte man sogar die Natur für dieses Ereignis engagiert.

Die Gäste trafen in Designerkleidern und maßgeschneiderten Anzügen ein und brachten Geschenke und Klatsch in ungefähr gleichen Mengen mit.

Hannah kam genau um halb sechs.

Nicht früher.

Nicht später.

Gerade in dem Moment, als sich alle im Innenhof zum Cocktail vor der Zeremonie versammelt hatten.