— Also erhebe ich dieses Glas. Auf die Wahrheit, auch wenn sie manchmal viel zu elegant gekleidet erscheint. Auf Frauen, die man „zu viel“ nennt. Auf jeden Menschen, dem man jemals gesagt hat, er solle lächeln, während ein anderer das trägt, was ihm gestohlen wurde.

Sie hob das Glas noch ein Stück höher.

— Und darauf, nie wieder um einen Platz an einem Tisch zu bitten, an dem das Essen vergiftet ist.

Diesmal war die Stille anders.

Nicht empört.

Sondern berührt.

Dann begann Amelie zu klatschen.

Aus einer Person wurden fünf.

Aus fünf wurden fünfzig.

Wenig später erfüllte Applaus den ganzen Saal.

Hannah stieg von der Bühne herunter. Ihr ganzer Körper bebte.

Lukas erwartete sie bei den Türen.

— Du hast ein Begräbnis in eine Krönung verwandelt, — sagte er.

Ein nervöses Lachen entwich ihr.

— Das klingt ziemlich übertrieben.

— Aber zutreffend.

Zum ersten Mal reichte er ihr die Hand nicht, um sie abzuschirmen.

Sondern als Einladung.

— Gehen wir ein Stück?

Hannah sah noch einmal zurück.

Laura saß allein in ihrem Brautkleid, das Gesicht in den Händen verborgen.

Maria starrte Hannah an, als sähe sie eine Fremde.

Dann legte Hannah ihre Hand in Lukas’ Hand.

Draußen explodierte plötzlich das Feuerwerk, das für die Hochzeit vorgesehen gewesen war, über dem See. Zufällig, beinahe absurd, zerfielen rote und goldene Funken am dunkler werdenden Himmel.

Hannah blickte hinauf.

Lukas stand neben ihr.

Und für einen unmöglichen Augenblick wirkte diese zerstörte Hochzeit wie der Beginn ihres eigenen Lebens.

Teil 7 — Das größte Geheimnis eines gefürchteten Mannes hatte nichts mit Stärke zu tun

Drei Wochen später stellte Hannah fest, dass Lukas Alcazar keineswegs lebte wie ein Schurke aus den Geschichten, die man über ihn erzählte.

Er lebte eher wie jemand, der zu viele Türen abgeschlossen hielt.

Sein Haus in einem der vornehmsten Viertel der Stadt war riesig, aber beinahe lautlos. Stein, Glas, Schatten. Am Tor standen Sicherheitsleute, an den Wänden hingen Gemälde von unschätzbarem Wert, doch nirgendwo war ein einziges Foto zu sehen.

Hannah bemerkte es sofort.

— Bewahren Sie keine Erinnerungen auf? — fragte sie eines Abends beim Essen.

Lukas schenkte ihr Wasser nach.

— Doch. Ich stelle sie nur nicht aus.

— Das klingt einsam.

— Es ist zweckmäßig.

Sie lachte leise.

— Das ist der traurigste Satz, den ich je in einem so kultivierten Gewand gehört habe.

Er sah sie über den vom Kerzenlicht erhellten Tisch hinweg an.

Bei einem anderen Menschen hätte dieser Blick bedrohlich wirken können.

Bei Hannah fühlte er sich an wie eine Tür, die sich einen Spalt breit öffnete.

Nach der Katastrophe bei der Hochzeit hatte sich die Stadt regelrecht an dem Skandal berauscht. Alexanders Verhaftung landete auf den Titelseiten. Investoren gerieten in Panik. Familien flüsterten hinter vorgehaltener Hand. Die feine Gesellschaft ordnete sich über Nacht neu.

Und Hannah wurde plötzlich zu der Frau, die alle gern bei sich gesehen hätten.

Die Ironie daran war beinahe widerwärtig.

Dieselben Menschen, die sie noch kurz zuvor bemitleidet hatten, priesen nun ihre Würde und Haltung. Cousinen, die ihre Anrufe ignoriert hatten, schickten Herzchen und lange Nachrichten. Selbst ihre Mutter hinterließ Sprachnachrichten über „Heilung innerhalb der Familie“.