Hannah antwortete niemandem.

Lukas drängte sie zu nichts.

Er tauchte einfach auf, wenn sie das Gefühl hatte, nicht mehr atmen zu können.

Ein Abendessen.

Ein Spaziergang.

Eine Fahrt durch die nächtliche Stadt kurz vor Mitternacht.

Keine Berührung, wenn sie nicht von ihr ausging. Keine Forderungen. Kein triumphierendes Lächeln eines Mannes, der glaubte, gewonnen zu haben.

Gerade das brachte sie stärker aus dem Gleichgewicht, als jede Arroganz es gekonnt hätte.

Eines Nachts, als Regen gegen die Fensterscheiben peitschte, fand Hannah ihn in seinem Arbeitszimmer. Er saß über einen alten Zeitungsausschnitt gebeugt und starrte ihn an, als könne Papier zurückstarren.

Als er sie bemerkte, wollte er den Ausschnitt weglegen.

Hannah blieb im Türrahmen stehen.

— Nicht.

Lange sagte er nichts.

Dann reichte er ihr den vergilbten Artikel.

Die Überschrift war zwölf Jahre alt.

„UNTERNEHMER UND EHEFRAU STERBEN BEI MYSTERIÖSEM UNFALL; JUNGE TOCHTER ÜBERLEBT“

Hannah las den Namen.

Alcazar.

Sie sah auf.

— Ihre Eltern?

Lukas nickte.

— Und die Tochter?

— Meine Schwester. Sophie.

Hannah betrachtete sein Gesicht genauer.

— Sie haben eine Schwester?

— Hatte.

Dieses eine Wort veränderte die Luft im Raum.

Lukas wandte sich zum Fenster, hinter dem der Regen rauschte.

— Sie überlebte den Unfall. Aber nicht das, was danach kam. Menschen, denen mein Vater vertraut hatte, nahmen die Firma auseinander, das Haus, die Konten. Sie lächelten bei der Beerdigung und stahlen weiter, während wir noch bluteten.

Hannah spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog.

— Ich war zweiundzwanzig. Sophie war fünfzehn. Ich wurde hart, weil niemand Angst vor Trauer hat. Vor Konsequenzen schon.

— Was ist mit ihr passiert?

Sein Kiefer spannte sich an.

— Sechs Monate später war sie verschwunden.

Hannahs Stimme sank zu einem Flüstern.

— Verschwunden?

— Sie hinterließ einen Zettel. Darauf stand, sie könne nicht im Krieg unseres Vaters weiterleben. Ich habe jahrelang nach ihr gesucht. Ohne Ergebnis.

Zum ersten Mal, seit Hannah ihn kannte, wirkte Lukas Alcazar nicht gefährlich.

Sondern verfolgt.

Von Erinnerungen. Von Schuld. Von einem Verlust, der nie aufgehört hatte, sich zu bewegen.

Hannah trat näher.

— Es tut mir leid.

Er lachte kurz auf, aber der Laut war bitter.

— Die meisten Menschen sagen mir das sehr vorsichtig. Als wäre Mitgefühl eine Waffe, die ich ihnen entreißen und gegen sie richten könnte.

— Ich bin nicht die meisten Menschen.

— Nein, — sagte er leise. — Das bist du nicht.

Der Regen wurde stärker.

Hannah senkte den Blick wieder auf den Ausschnitt.

Da blieb ihr Blick plötzlich an einem Detail am Rand des Fotos hängen.

Ein kleines Mädchen, das bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung neben der jugendlichen Sophie stand.

Dunkle Locken.

Große, offene Augen.

Ein Gesicht, das sie kannte.

Hannah bekam kaum Luft.

— Lukas.

Er sah sie an.

Sie deutete auf das Kind auf dem Foto.

— Wer ist das?

Er runzelte die Stirn.

— Ich weiß es nicht. Vermutlich eines der Kinder aus der Stiftung.

Hannahs Finger wurden kalt.

— Ich kenne sie.

Lukas erstarrte.

— Das ist unmöglich.

— Nein, — ihre Stimme bebte. — Ihr Name ist Emilia.