Der Raum schien zu kippen.
Lukas’ Blick wurde schärfer.
— Woher kennst du sie?
Hannah schluckte.
— Mein Vater unterstützte vor vielen Jahren ein Mädchenheim. Emilia lebte dort. Sie hatte keinen Nachnamen. Keine Unterlagen, denen man wirklich trauen konnte. Sie malte ständig Häuser mit schwarzen Toren und einem See.
Lukas stand so abrupt auf, dass der Stuhl laut über den Boden schrammte.
— Ein See?
Hannah nickte, während ihr Herz raste.
— Und Vögel, — flüsterte sie. — Immer Vögel.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
— Sophie zeichnete Vögel.
Die Stille, die danach entstand, war nicht leer.
Sie war lebendig.
Hannah hielt die Zeitung fester.
— Lukas… was, wenn deine Schwester nicht einfach verschwunden ist?
Seine Stimme klang rau.
— Was willst du damit sagen?
— Dass sie vielleicht versteckt wurde. Vielleicht ist sie davongelaufen, vielleicht wurde sie fortgebracht. Aber Emilia… sie hat Sophies Augen.
Lukas stützte eine Hand auf den Schreibtisch, als hätte die Welt für einen Moment ihre Schwerkraft verloren.
Zwölf Jahre lang hatte er die Erinnerung an seine Schwester wie einen Geist mit sich getragen.
Und nun hatte Hannah eine Tür geöffnet, die er mit seiner Trauer fest verschlossen geglaubt hatte.
Er sah sie an.
— Wo ist Emilia jetzt?
Hannahs Augen füllten sich mit Tränen.
— Sie hat das Heim verlassen. Ich habe ihr geholfen, einen Platz an einer Fachschule für Krankenpflege zu bekommen. Wir schreiben uns noch manchmal.
Lukas’ Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
— Ruf sie an.
Hannah wählte die Nummer.
Nach dem vierten Klingeln meldete sich Emilia verschlafen.
— Hannah?
— Emilia, — begann Hannah vorsichtig. — Ich muss dir eine seltsame Frage stellen.
Lukas stand vollkommen unbeweglich da.
Hannah schaltete den Lautsprecher ein.
— Zeichnest du immer noch Vögel?
Am anderen Ende der Leitung blieb es still.
Dann kam eine leise, misstrauische Frage.
— Wer hat dir davon erzählt?
Lukas schloss die Augen.
Hannah flüsterte:
— Erinnerst du dich an einen Bruder?
Durch den Lautsprecher war nur Atem zu hören.
Dann sagte Emilia ein einziges Wort.
Einen Namen.
Aber nicht Lukas.
— Luki…
Hannah hätte das Telefon beinahe fallen lassen.
Lukas presste die Hand auf den Mund. In seinen Augen glänzte ein Schmerz, der viel zu groß war, um einen Laut zu finden.
Emilia begann zu weinen.
— Ich dachte, ich hätte ihn mir nur ausgedacht, — sagte sie.
Lukas nahm das Telefon so behutsam entgegen, als bestünde es aus dünnstem Glas.
— Sophie?
Aus dem Lautsprecher kam ein Schluchzen.
Und der gefürchtetste Mann der Stadt sank auf die Knie.
Teil 8 — Die Hochzeit, die am Ende keine Rache war
Sechs Monate später stand Hannah wieder am See von Valle de Bravo.
Doch diesmal gab es keine gestohlenen Eheversprechen.
Keinen falschen Bräutigam.
Keine Mutter, die ihr vorschrieb, was sie zu tragen hatte.
Die prachtvolle Villa hatte nach der Beschlagnahmung von Alexanders Vermögen den Besitzer gewechselt. In einer Wendung, an der sich die Gesellschaftskolumnen tagelang verschluckten, hatte Lukas das Anwesen still erworben und einen Teil des Geländes einer Stiftung überschrieben, die jungen Frauen helfen sollte, wenn sie aus Heimen oder betreuten Einrichtungen entlassen wurden.