Hannah erwiderte nichts.
Aber die Worte blieben bei ihr.
Am Abend, als die Feier zu Ende ging und die Gäste sich verabschiedet hatten, fand Lukas sie unten am See.
Der Himmel färbte sich violett.
Über dem Gras flimmerten Glühwürmchen.
— Du warst plötzlich weg, — sagte er.
— Ich habe nachgedacht.
— Gefährliche Angewohnheit.
— Ausgerechnet du sagst das?
Er stellte sich neben sie.
Eine Weile sahen sie schweigend auf das Wasser.
Dann fragte Hannah:
— Als ich dich vor der Hochzeit angerufen habe… wusstest du da schon, dass Alexander schuldig war?
— Ja.
— Hast du mich benutzt?
Lukas antwortete nicht sofort.
Und genau dafür achtete sie ihn.
Schließlich sagte er:
— Am Anfang dachte ich, wenn ich ihn direkt bei der Hochzeit bloßstelle, wird sein Ruf so öffentlich zerstört, dass ihn niemand mehr schützen kann.
Hannah spürte einen Druck in der Brust.
— Und ich?
Er sah sie an.
— Du warst die Variable, mit der ich nicht gerechnet hatte.
Sie wandte sich ihm zu.
— Das ist keine Antwort.
— Nein, — sagte er. — Es ist ein Geständnis.
Der Wind hob eine Strähne ihres Haares an.
Lukas trat näher. In seinem Gesicht lag nicht mehr jene kalte Überlegenheit, vor der Menschen früher zurückgewichen waren.
— Ich habe mit Rache begonnen, — sagte er. — Du hast daraus Gerechtigkeit gemacht. Und dann hast du meine Schwester gefunden und mein Leben in etwas verwandelt, an das ich längst nicht mehr geglaubt habe.
Hannahs Augen wurden feucht.
— Für einen Mann, der Effizienz so schätzt, sind Sie erstaunlich dramatisch.
Ein Lächeln berührte seinen Mund.
— Ich stand unter Einfluss.
Sie lachte, und dieses Lachen löste die letzte Spannung zwischen ihnen.
Lukas griff in die Innentasche seines Jacketts.
Hannah versteifte sich.
— Lukas…
Er hielt inne.
Dann zog er keinen Ring hervor, sondern ein kleines, gefaltetes Blatt Papier.
— Ich weiß, — sagte er sanft. — Zu früh. Zu klischeehaft. Zu vorhersehbar.
Sie starrte ihn an.
Er reichte ihr das Papier.
Es war eine Eigentumsurkunde.
Verwirrt las Hannah die ersten Zeilen.
Dann stockte ihr der Atem.
Die Stiftung lief auf ihren Namen.
Nicht auf seinen.
Auf ihren.
— Lukas…
— Du hast einmal vor einem ganzen Saal gesagt, dass du nie wieder an einem vergifteten Tisch sitzen wirst, — sagte er. — Also habe ich dir einen neuen gebaut.
Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, bevor sie sie aufhalten konnte.
— Das ist zu viel.
— Nein. Das ist erst der Anfang.
Sie sah auf das Dokument und dann wieder zu ihm.
— Und was bekommst du dafür?
Lukas hielt ihrem Blick stand.
— Das Privileg zuzusehen, wie du zu einer Frau wirst, die niemand mehr kleinmachen kann.
Der See verschwamm vor ihren Augen.
Hannah machte einen Schritt auf ihn zu, und er schloss sie in die Arme, als erlaube sich ein Mann endlich, das an sein Herz zu ziehen, von dem er so lange nicht hatte zugeben wollen, dass er es brauchte.
Da ertönte von der Terrasse eine laute Stimme:
— Jetzt küss sie doch endlich!
Beide drehten sich um.
Auf der Terrasse stand Sophie, breit grinsend und umringt von einigen jungen Frauen aus der Stiftung. Amelie war ebenfalls dort und klatschte begeistert in die Hände.