Hannah lachte durch ihre Tränen hindurch.
Lukas sah aus, als fühle er sich leicht verraten.
— Meine Schwester ist unerträglich geworden.
— Sie ist deine Schwester, — sagte Hannah. — Das war unvermeidlich.
Er wandte sich wieder ihr zu.
Diesmal bat er nicht mit Worten um Erlaubnis.
Er fragte mit den Augen.
Hannah stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.
Dieser Kuss war keine Rache.
Er war keine Vorführung.
Er galt nicht Alexander, nicht Laura, nicht ihrer Mutter und auch nicht den dreihundert Gästen, die einst zugesehen hatten, wie ihr Schmerz zur Unterhaltung wurde.
Er war warm.
Still.
Gewiss.
Er gehörte ihr.
Noch Monate später würde man in der Gesellschaft diese Geschichte falsch erzählen.
Man würde sagen, Hannah sei auf der Hochzeit ihrer Schwester mit dem gefürchtetsten Mann der Stadt erschienen und habe alle vernichtet, die über sie gelacht hatten.
Man würde behaupten, sie habe sich in einem roten Kleid gerächt.
Man würde sagen, Lukas Alcazar habe sie gerettet.
Doch die Wahrheit war viel erstaunlicher.
Hannah war nicht mit einem Monster gekommen.
Sie war mit einem Mann gekommen, der seine Geister mit sich trug.
Er hatte sie nicht gerettet.
Er hatte nur neben ihr gestanden, während sie sich daran erinnerte, wie man allein aufrecht bleibt.
Und das schockierendste Ende bestand nicht darin, dass Alexander in Handschellen abgeführt wurde, Laura am Altar zurückblieb und eine verschwundene Schwester wie aus dem Reich der Toten zurückkehrte.
Das wirklich Erschütternde war etwas anderes:
Hannah hatte niemals dünner, leiser, hübscher oder bequemer werden müssen, um geliebt zu werden.
Sie wurde lauter.
Sie wurde frei.
Sie wurde zu der Frau, die in Rot eine gestohlene Hochzeit betrat und mit einer Zukunft hinausging, die kein Mensch auf dieser Welt stark genug war, ihr wieder zu nehmen.
Und Jahre später, als Lukas ihr schließlich einen Antrag machte, tat er es ganz allein mit ihr am See — während Sophie sich denkbar schlecht hinter einem Baum versteckte und Hannah bereits lachte, bevor er die Frage überhaupt zu Ende bringen konnte.
Diesmal blieb das Kleid, das in ihrem Schrank auf sie wartete, nicht ungetragen zurück.
Diesmal stahl niemand den Bräutigam.
Und diesmal musste Hannah niemandem etwas beweisen, als sie zum Altar ging.
Sie ging einfach nach Hause.