— Als wir Kinder waren, nahm sie meine Kleider. Mein Parfüm. Meine Geheimnisse. Manchmal fragte sie vorher. Meistens nicht. Damals dachte ich, so seien jüngere Schwestern eben. Sie laufen einem nach. Sie ahmen einen nach. Sie nehmen sich, was ihnen gefällt.
Unter dem Schleier färbte sich Lauras Gesicht dunkelrot.
— Aber heute geht es nicht um die Vergangenheit, sagte Hannah. Heute geht es um Entscheidungen.
Sie wandte sich ein wenig Alexander zu.
— Manche Menschen entscheiden sich für Liebe. Andere für Bequemlichkeit. Manche betrachten Schönheit als geschäftliche Strategie. Und wieder andere wählen das Schweigen, weil es den guten Ruf der Familie schützt.
Ihre Mutter erhob sich halb von ihrem Stuhl.
— Hannah!
Hannah schenkte ihr nicht einmal einen Blick.
— Und manche von uns, fuhr sie fort, entdecken, nachdem ihnen gesagt wurde, sie passten nicht mehr zum gewünschten Status, den Segen, der sich in der Ablehnung eines anderen verbirgt.
Ein erschüttertes Raunen ging durch den Saal.
Alexander flüsterte:
— Schluss jetzt.
Hannah lächelte ihn an.
— Nein, Alexander. Deine Rede hast du bereits in jenem Café gehalten. Diese hier gehört mir.
Eine vollkommene, klingende Stille legte sich über den Raum.
Lukas sah sie von seinem Platz aus an. Seine Hand ruhte neben seinem Glas, und sein Blick — hart, still und gefährlich aufmerksam — war ausschließlich auf sie gerichtet.
Hannah wandte sich wieder den Gästen zu.
— Darum ist mein Toast einfach. Auf Laura und Alexander. Möget ihr beide genau die Treue erfahren, die ihr anderen geschenkt habt. Möge eure Ehe auf derselben Ehrlichkeit errichtet sein, die euch an diesen Altar geführt hat. Und möge jeder Spiegel in eurem neuen Zuhause euch nicht zeigen, wer ihr zu sein vorgebt, sondern wer ihr beschlossen habt zu werden.
Sie hob ihr Glas.
— Auf Braut und Bräutigam.
Niemand wusste, ob er klatschen durfte.
Dann hob Lukas langsam sein Glas.
Ein Dutzend einflussreicher Männer folgte seinem Beispiel. Kurz darauf erhob auch der Rest des Saales seine Gläser, verwirrt und tödlich darauf bedacht, nicht auf der falschen Seite der Macht zu stehen.
Laura sah aus, als könnte sie jeden Augenblick in Stücke zerbrechen.
Hannah gab das Mikrofon zurück und setzte sich wieder.
Unter dem Tisch zitterten ihre Beine.
Lukas beugte sich zu ihr.
— Das, sagte er leise, war kein bloßes Überleben.
— Was war es dann?
— Eine triumphale Rückkehr.
Zum ersten Mal seit vielen Monaten lachte Hannah ehrlich, frei und aus tiefstem Herzen.
Doch der Abend war mit ihnen noch lange nicht fertig.
Eine Stunde später fand Alexander sie auf der Terrasse.
Sie war hinausgegangen, um Luft zu holen, fort von der Musik und dem betäubenden Duft der Blumen. Der See unterhalb des Anwesens spiegelte den Mond in zerbrochenen silbernen Splittern.
— Du hast uns gedemütigt, stieß Alexander hervor.
Hannah drehte sich nicht einmal zu ihm um.
— Den größten Teil dieser Arbeit hast du ganz allein erledigt.
Er kam näher.
— Glaubst du, nur weil du Alcázar hier angeschleppt hast, bist du unantastbar?
— Nein. Ich glaube, unantastbar wurde ich in dem Moment, in dem ich dich verlassen habe.