Geschichte
„Für das Geld hätte man sicher etwas Größeres finden können. Spart ihr etwa an allem?“ schnaufte die Schwiegermutter, die seit drei Tagen blieb

„Für das Geld hätte man sicher etwas Größeres finden können. Spart ihr etwa an allem?“ schnaufte die Schwiegermutter, die seit drei Tagen blieb

Dieses spärliche Zuhause wirkt ungerecht und bedrückend.

1 859 Leser 5 Seiten ~3 Min.

— Bei euch ist es hier ja ziemlich eng, muss man sagen. Zu viert geht es vielleicht noch irgendwie, aber was ist, wenn jemand zu Besuch bleiben möchte?

Maria Winter ging langsam über die Veranda, strich mit dem Finger über die Fensterbank und betrachtete ihn anschließend mit prüfendem Blick. An ihrem Ringfinger funkelte ein schwerer goldener Ring mit einem dunklen Stein.

— Das ist ein gemietetes Ferienhaus, Maria Winter, — sagte Emilia Lange und stellte eine Schüssel kalte Suppe auf den Tisch. — Mehr Platz gibt es eben nicht.

— Gemietet, — schnaubte die Schwiegermutter. — Für das Geld hätte man sicher etwas Größeres finden können. Spart ihr etwa an allem?

Sie war „nur für einen Tag, um den Enkel zu sehen“ gekommen und blieb nun bereits den dritten Tag. Nachts schlief sie im Zimmer von Emilias Sohn Finn Mayer, während Finn auf ein Klappbett im Durchgangszimmer umquartiert worden war.

Alexander Kraus, Emilias Mann, saß in diesem Augenblick auf der Treppe vor dem Haus, hielt eine Angel in den Händen und fummelte konzentriert an der Angelschnur herum. Die Angel war neu; die Ladenfolie klebte noch daran, obwohl sie schon seit einer Woche gekauft war.

— Alexander, wie lange willst du da noch herumhantieren! — rief seine Mutter nach draußen. — Deine Mutter ist von der Fahrt müde, und du rennst mit diesem Stock herum.

— Ich komme gleich, Mama, — antwortete Alexander, ohne sich vom Fleck zu rühren.

Emilia verteilte schweigend die Suppe auf die Teller. Vor sechs Jahren hatte sie dieses Ferienhaus zum ersten Mal gemietet: ein großes Grundstück, ein Haus mit Veranda, eine kleine Sauna, alte Apfelbäume. Die Besitzerin, Josefine Bergmann, verlangte wenig, weil Emilia sich um alles kümmerte. Sie strich den Zaun, jätete die Beete und reparierte, was kaputtging. Eigentlich gehörte dieser Ort längst ihr — nicht auf dem Papier, sondern durch ihre Hände, ihren Rücken und jedes einzelne Wochenende, das sie hier verbracht hatte.

Auch die Miete bezahlte sie. Vierhundert Euro für die Saison, von ihrem Gehalt als Buchhalterin. Alexander gab „etwas dazu, wenn es gerade passte“, was in der Praxis selten vorkam.

— Und wann kommt Jonas Friedrich? — fragte Maria Winter, setzte sich an die Stirnseite des Tisches und wartete nicht darauf, dass die Hausherrin Platz nahm. — Mein Sohn hat angerufen. Hannah Hermann möchte ihn den ganzen Sommer über beim Vater unterbringen.

Emilia hielt mit der Kelle mitten in der Bewegung inne.

Jonas Friedrich war Alexanders Sohn aus erster Ehe. Zehn Jahre alt. Sie hatten ihn ein paarmal gesehen; ein schlechter Junge war er nicht, eher still und unauffällig.

— Das haben wir noch nicht entschieden, — sagte Emilia vorsichtig.

— Was gibt es da zu entscheiden! — Maria Winter schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. — Eigenes Blut ist heilig. Ein Vater muss seinen Sohn sehen. Oder bleibt dir ein fremdes Kind im Hals stecken?

— Jonas Friedrich ist nicht fremd. Es geht um die Bedingungen. Wir haben nur ein Kinderzimmer und ein Klappbett.

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