Sie roch nach fremdem Shampoo. Nach Kaffee. Nach frischen Blumen auf dem Tisch – Blumen, die Maximilian Werner mir nie einfach so mitgebracht hatte. Neben dem Sofa standen Damen-Sneaker, eindeutig nicht in meiner Größe. Und im Bad, das ich vom Flur aus nur aus dem Augenwinkel sah, lag auf der Ablage eine zweite Zahnbürste.
Nicht neu.
Nicht zufällig dort vergessen.
Benutzt.
Persönlich.
„Eine schöne Wohnung“, brachte ich hervor und zwang meine Stimme, ruhig zu bleiben.
Ihr Lächeln wurde noch etwas wärmer.
„Danke. Wir wohnen seit ein paar Monaten zusammen hier. Vor dem Verkauf möchten wir nur noch ein bisschen etwas auffrischen.“
Wir.
Dieses eine Wort traf härter als alles andere.
Ich nickte, als interessierten mich tatsächlich nur die Wände.
Dabei setzte sich in meinem Kopf bereits alles zusammen.
Ein paar Monate.
Der Verkauf.
Mein Bademantel.
Unsere Blumen.
Die fremde Zahnbürste.
Maximilian Werner hatte mich nicht nur betrogen.
Er hatte es geschafft, in meinem Zuhause ein zweites Leben aufzubauen.
„Sind Sie schon lange zusammen?“, fragte ich und tat so, als wäre es bloße Höflichkeit.
Sie lachte sogar leise auf.
„Als Paar fast ein Jahr. Zusammen wohnen wir seit dem Frühjahr. Ehrlich gesagt ging alles unglaublich schnell.“
Fast ein Jahr.
Im vergangenen August war Maximilian Werner angeblich „bei einem Teambuilding in Garmisch-Partenkirchen“ gewesen. Danach folgte ein „Firmenausflug bei Cuxhaven“. Später dann „Verhandlungen in Berlin“. Und auf einmal waren all diese Erinnerungen keine Ereignisse mehr, sondern Lücken. Und in jeder dieser Lücken stand bereits sie.
Ich stellte die Frage, obwohl mir die Antwort schon wie ein kalter Stein im Magen lag.
„Sind Sie schon lange verheiratet?“
Sie schüttelte den Kopf, beinahe verlegen.
„Nein, noch nicht. Wir sind verlobt. Den Ring haben wir nur zum Verkleinern weggebracht, er war leider nicht ganz passend.“
Für einen Augenblick verlor der Raum seine Geraden.
Ich krallte die Finger in die Lehne des nächsten Stuhls und zwang mich, stehen zu bleiben. Nicht umzufallen. Nicht zu taumeln. Nicht vor dieser Frau zu zerbrechen.
Sie bemerkte nichts davon.
Unbefangen ging sie weiter, in Richtung Schlafzimmer, und sprach dabei über die geplante Renovierung, über die neue Küche, die sie sich vorstellte, darüber, dass „Maximilian mehr Licht und mehr Weite“ wolle. Auf der Kommode stand ein gerahmtes Foto.
Maximilian und sie.
Am Strand.
Gebräunt, zerzaust vom Wind, lachend, als gäbe es nichts auf der Welt außer Sonne, Meer und sie beide.
Unten im Bild war ein Datum eingetragen.
Letzten Sommer.
Genau in jenen Tagen, in denen er mir versichert hatte, er sei für ein paar Tage auf einem beruflichen Termin und wahrscheinlich „kaum erreichbar“.
Ich starrte auf dieses Foto, und etwas in mir wurde endgültig zu Eis.
Aus dem Badezimmer klickte das Schloss.
Dampf drang heraus.
Dann hörte ich Maximilians Stimme, entspannt, vertraut, so selbstverständlich häuslich, als gehörte ihm jeder Zentimeter dieses Lebens:
„Schatz, hast du meinen…“
Er trat heraus.
Nur mit einem Handtuch um die Hüften.