In der obersten Schublade des Schreibtisches lag eine blaue Mappe.
Ordentlich.
Viel zu ordentlich.
Ich schlug sie mitten im Zimmer auf.
Und in diesem Augenblick begriff ich, dass der eigentliche Abgrund erst begann.
Mir wurde, als breche unter mir noch einmal der Boden weg — tiefer, kälter, endgültiger als in dem Moment, in dem ich von seinem Verrat erfahren hatte.
In der Mappe steckten Kopien meiner Unterlagen.
Ein Grundbuchauszug zur Wohnung.
Ein Entwurf für eine Anzahlungsvereinbarung.
Der vorbereitete Text einer Vollmacht.
Und darunter: meine Unterschrift.
Gefälscht.
Nicht meisterhaft. Nicht so, dass ein Gutachter lange gebraucht hätte. Aber ähnlich genug, um bei Eile durchzugehen. Oder bei einem Notar, der nicht allzu genau hinsehen wollte.
Ich hob langsam den Blick zu Maximilian Werner.
„Du hast mich also nicht nur belogen“, sagte ich. „Du wolltest mich bestehlen.“
Er sagte nichts.
Dieses Schweigen war deutlicher als jede Ausrede, die er hätte erfinden können.
Emilia Huber trat näher an den Tisch. Als sie die Papiere sah, begannen ihre Finger zu zittern.
„Was ist das?“, fragte sie kaum hörbar. „Du hast doch gesagt, es sei alles rechtlich sauber.“
„Ja“, antwortete ich an seiner Stelle. „Offenbar hat er eine Menge gesagt.“
Sie sah sich um, als würde sie meine Wohnung zum ersten Mal wirklich wahrnehmen. Die Bücherregale. Die alten Bilderrahmen an den Wänden. Den Teppich, den ich aus dem Haus meiner Eltern mitgenommen hatte. Die Tasse mit der verblassten Aufschrift, die seit meiner Studienzeit in diesem Regal stand. Plötzlich war das hier nicht mehr ihr vermeintlich gemeinsames Zuhause. Es wurde zu einem Ort, in den man sie hineingesetzt hatte — mitten in eine Lüge, die einem anderen Menschen gehörte.
„Ich wusste das nicht“, sagte sie.
Und diesmal glaubte ich ihr.
Maximilian ging sofort zum Angriff über.
„Jetzt reicht es aber“, stieß er hervor. „Ja, es ist zu weit gegangen. Aber du warst doch ständig unterwegs. Wir haben seit Jahren nebeneinanderhergelebt wie zwei Fremde. Ich wollte das Ganze nur ohne Drama beenden.“
Ich sah ihn lange an.
„Ohne Drama?“ Meine Stimme klang ruhig, fast fremd in meinen eigenen Ohren. „Du wolltest meine Wohnung hinter meinem Rücken verkaufen. Das nennt man nicht ,ohne Drama beenden‘. Das nennt man eine Straftat.“
Er schnaubte, doch die Sicherheit in seiner Miene bröckelte bereits.
„Übertreib nicht.“
Ich nahm mein Handy.
Seite für Seite fotografierte ich den Inhalt der blauen Mappe.
Dann öffnete ich den Chat mit Johanna Bergmann — meiner Freundin und Anwältin, mit der ich schon im ersten Semester zusammengesessen hatte — und schickte ihr alles in einer einzigen Nachricht.
Keine Minute später klingelte mein Telefon.
Ich stellte auf Lautsprecher.
„Sophia“, sagte Johanna, und ihre Stimme war bereits nicht mehr privat, sondern klar, kühl und juristisch präzise. „Lass ihn nicht aus der Wohnung. Wenn dort eine gefälschte Vollmacht liegt oder ein Vertragsentwurf mit deinen Daten, ruf sofort die Polizei. Und versuch auf keinen Fall, das allein mit ihm zu klären.“