Anna König zog leicht die Augenbrauen hoch.
„Damals dachte ich, er sei einfach gut organisiert.“
„Ist er auch“, erwiderte Felix trocken. „Nur wollte er dich eben irgendwann komplett mitorganisieren.“
Am Tisch wurde es spürbar lebendiger. Die Gäste entspannten sich, als hätte jemand ein unsichtbares Band gelöst, das ihnen bis dahin um die Schultern gelegen hatte. Niemand wirkte mehr so, als müsse er jedes Wort vorher abwägen. Anna sah, wie aus dem, was eben noch wie eine beschämende abgesagte Hochzeit im Raum gestanden hatte, allmählich etwas anderes wurde: eine Geschichte über rechtzeitige Klarheit.
Genau in diesem Augenblick erschien Christian Baumann am Eingang des kleinen Saals.
Er war nicht allein gekommen. Neben ihm stand Clara Mayer in einem hellen Kostüm, mit jener entschlossenen Miene einer Frau, die überzeugt war, erschienen zu sein, um eine schwere Ungerechtigkeit zu korrigieren. Hinter den beiden folgte die Restaurantleiterin, sichtlich verunsichert und offenbar unschlüssig, ob sie eingreifen durfte oder nicht.
Die Gespräche verstummten.
Christian sah Anna an. Für einen kurzen Moment blitzte in seinem Blick Genugtuung auf. Jetzt gab es Zuschauer. Jetzt gab es eine Bühne. Jetzt, glaubte er, würde sie dem Gespräch nicht mehr ausweichen können.
Anna blieb jedoch zunächst sitzen. In aller Ruhe legte sie ihre Serviette neben den Teller, beinahe mit derselben sachlichen Präzision, mit der sie eine Woche zuvor den Ring abgelegt hatte. Dann wandte sie sich an die Restaurantleiterin.
„Diese beiden Personen stehen nicht auf der Gästeliste meiner Veranstaltung.“
Christian verzog den Mund.
„Deiner Veranstaltung? Eigentlich sollte das hier unsere Hochzeit sein.“
„Sollte“, sagte Anna. „Ist es aber nicht geworden.“
Clara Mayer trat einen Schritt vor.
„Anna, Sie sind zumindest verpflichtet, Christian anzuhören. Sie haben meine Familie öffentlich bloßgestellt.“
Nun erhob sich Anna. Ihre Stimme blieb ruhig, fast leise, doch im Saal war es so still geworden, dass jedes Wort bis zum letzten Tisch getragen wurde.
„Clara Mayer, Ihr Sohn hat mir eine Woche vor dem Termin erklärt, ich müsse mich daran gewöhnen, zu gehorchen. Danach habe ich die Hochzeit abgesagt. Heute findet hier ein privates Abendessen für meine Angehörigen und Freunde statt. Sie sind nicht eingeladen.“
„Wie können Sie es wagen?“, stieß Clara hervor. Ihr Gesicht wurde schmal vor Empörung. „Christian hat sein Herzblut in diese Hochzeit gesteckt!“
Julia Braun schnaubte leise, doch Anna sah nicht einmal zu ihr hinüber.
„Sein Herzblut darf er gern wieder mitnehmen. Alles Finanzielle klären wir anhand der Belege.“
Christian lief rot an.
„Du hast die Leute also absichtlich zusammengerufen, damit sie über mich reden?“
„Nein“, antwortete Anna. „Du bist selbst hierhergekommen, damit alle dich sehen.“
Der Satz traf genau. Mehrere Gäste wechselten kurze Blicke. Christian begriff rasch, dass sich die Szene nicht in die Richtung entwickelte, die er erwartet hatte. Er hatte auf ihre Verlegenheit gesetzt, auf den Druck seiner Mutter, auf die Unsicherheit der Anwesenden. Stattdessen stand er nun vor einer ruhigen Absage, ausgesprochen vor Zeugen.