Diesmal hielt Sophie ihrem Blick stand. Gelassen. Ohne Hast. Ohne Zittern.

„Du bist anders geworden“, sagte Claudia schließlich. Es klang nicht einmal wie ein Vorwurf, eher wie eine Feststellung, die ihr selbst fremd vorkam.

„Vielleicht“, sagte Sophie.

Am Abend machte Daniel eine Szene. Eine richtige Szene, beinahe bühnenreif: Schritte quer durchs Wohnzimmer, eine lauter werdende Stimme, ein vorwurfsvoller Armzeig in Richtung Küche.

„Meine Mutter sagt, du hast sie aus deinem Büro geworfen! Vor allen Leuten!“

„Ich habe sie gebeten, nicht unangekündigt an meinem Arbeitsplatz aufzutauchen. Das ist keine unverschämte Bitte.“

„Sie ist eine ältere Frau!“

„Daniel, sie ist gekommen, um mich zurechtzuweisen. Vor meinen Kollegen. Findest du das wirklich angemessen?“

Er blieb stehen, rieb sich über die Stirn und wandte sich dann zum Kühlschrank. Sophie wusste sofort, was als Nächstes kommen würde: Er würde eine Flasche Bier herausholen, und das Gespräch würde in eine andere, dumpfere Richtung kippen. Genau so geschah es. Bier, Sofa, Fernseher.

„Du hast einfach keinen Respekt vor meiner Familie“, warf er von dort aus in den Raum, ohne sie dabei richtig anzusehen.

Sophie ging ins Wohnzimmer und stellte sich direkt vor den Bildschirm.

„Daniel. Ich möchte, dass du Folgendes weißt: Ich starte ein eigenes Projekt. Etwas Eigenes. In den nächsten Monaten werde ich viel zu tun haben, später nach Hause kommen und Termine wahrnehmen. Ich informiere dich darüber. Ich bitte dich nicht um Erlaubnis.“

Er starrte sie über den Flaschenhals hinweg an.

„Was für ein Projekt? Wovon redest du überhaupt?“

„Ich erkläre es dir, wenn du bereit bist zuzuhören.“

Sie ging hinaus, schloss die Schlafzimmertür hinter sich, nahm den Laptop und öffnete die E-Mail von Jonas Baumann, die bereits am Morgen eingetroffen war: Hast du es dir überlegt? Ich warte auf deine Antwort.

Sophie schrieb nur wenige Worte zurück: Ja. Wir fangen an.

Hinter der Wand murmelte der Fernseher vor sich hin. Unten, irgendwo in der Tiefe, rauschte die Stadt. Und in ihr selbst richtete sich etwas leise auf, fest und unbeirrbar, wie ein Zweig, der sich nach einem Sturm wieder hebt.

Die Scheidung kam nicht plötzlich. Sie entstand langsam, wie ein Riss in einer Wand: zuerst fein, kaum sichtbar, dann breiter, immer deutlicher, bis irgendwann klar wurde, dass ein wenig Farbe und Putz nichts mehr retten würden.

Daniel erfuhr zufällig von dem Projekt. Auf dem Tisch lag ein ausgedruckter Vertrag mit Jonas Baumanns Unterschrift. Daniel nahm die Blätter, überflog sie hastig und runzelte die Stirn.

„Was soll das denn sein? Nimmst du einen Kredit auf?“

„Einen kleinen. Für das Projekt.“

„Ohne mir etwas zu sagen?“

„Daniel, ich bin volljährig. Der Kredit läuft auf meinen Namen und fällt in meine Verantwortung.“

Er sah sie an, als stünde eine Fremde vor ihm. Vielleicht war es genau das. Vielleicht sah er sie zum ersten Mal wirklich.

„Sophie, begreifst du eigentlich, was du da machst? Und wenn das schiefgeht? Wenn du alles verlierst? Wenn…“

„Dann werde ich damit umgehen. Es ist mein Risiko.“