„Unser Risiko!“ Er schlug mit dem Vertrag auf den Tisch. „Falls du es vergessen hast: Wir sind verheiratet!“

„Das habe ich nicht vergessen“, sagte sie leise. „Im Gegenteil. Gerade darüber denke ich in letzter Zeit sehr viel nach.“

Diese Worte trafen ihn wie ein Hindernis, gegen das er unvorbereitet lief. Er verstummte. Er sah sie an, und Sophie merkte, dass die Bedeutung langsam bei ihm ankam. Nicht sofort, aber sie kam an.

Das Gespräch fand an einem Sonntag statt. Ohne Geschrei, ohne zersplittertes Geschirr, ohne dramatische Gesten. Nur zwei Menschen an einem Küchentisch, zwischen ihnen kalter Kaffee und acht Jahre gemeinsames Leben.

„Du willst die Scheidung“, sagte Daniel. Es war keine Frage.

„Ja.“

„Wegen dieses Projekts?“

„Nein. Das Projekt ist nicht der Grund. Es ist nur eine Folge.“

Lange sagte er nichts. Er drehte einen Löffel zwischen den Fingern, als könne er darin eine Antwort finden.

„Meine Mutter hat gesagt, du seist nicht mehr dieselbe.“

„Damit hat sie recht.“

„Und was passiert jetzt?“

„Jetzt sind wir ehrlich. Uns geht es nicht gut miteinander, Daniel. Schon lange nicht mehr. Das weißt du.“

Er widersprach nicht. Und gerade dieses Schweigen sagte mehr als jede Erklärung.

Claudia Berg erfuhr es natürlich noch am selben Tag. Am Abend rief sie an. Ihre Stimme klang hart, beinahe feierlich, wie bei jemandem, der nur auf den passenden Anlass gewartet hatte.

„Also lässt du meinen Sohn fallen. Ich wusste es. Von Anfang an habe ich gesehen, was für ein Mensch du bist.“

„Claudia Berg, wir trennen uns im gegenseitigen Einverständnis.“

„Gegenseitig!“ Am anderen Ende lachte sie kurz und scharf auf. „Er liebt dich, du törichtes Mädchen! Aber du mit deinen großen Plänen…“

„Auf Wiederhören“, sagte Sophie und beendete das Gespräch.

Sie erlaubte sich nicht, darin zu versinken. Stattdessen nahm sie den Laptop, öffnete die Tabelle mit den Kalkulationen für ihr Projekt und arbeitete bis Mitternacht.

Die Wohnung war vor der Ehe gekauft worden, von Sophies Geld, genauer gesagt von dem Geld ihrer Eltern, die jahrelang dafür gespart hatten. Damit war die wichtigste Frage der Aufteilung bereits entschieden. Daniel packte innerhalb von zwei Wochen seine Sachen und zog zu seiner Mutter. Von gemeinsamen Bekannten hörte Sophie später, Claudia erzähle überall, „diese Frau“ habe ihren Sohn auf die Straße gesetzt. Sophie bekam es mit und ließ es beinahe ungerührt an sich abgleiten.

Nur ein einziges Mal traf sie es doch unerwartet.

In einem Supermarkt stand Sophie plötzlich Daniel gegenüber. Er lehnte vor dem Regal mit den Bierflaschen und überlegte, welche Sorte er nehmen sollte. Als er sie bemerkte, zuckte etwas in seinem Gesicht zusammen; er wurde verlegen und nickte knapp. Sophie erwiderte den Gruß ebenso knapp. Dann griff sie nach einer Packung Kaffee, die neben ihr im Regal stand, und ging weiter.

Es tat nicht weh. Nicht mehr. Da war nur eine eigentümliche Leere, so wie in einem Zimmer, aus dem man nach Jahren die schweren alten Möbel hinausträgt. Zuerst wirkt alles fremd. Aber zugleich ist da plötzlich Platz.