Vier Monate nach jenem Abend im Café eröffnete Sophie ihr Büro.
Es war kein großes Atelier, nur zwei helle Räume in einem Berliner Altbau, mit hohen Decken und Wänden in einem warmen Leinenton. Sophie hatte die Renovierung nicht einfach abgegeben. Sie war fast täglich mit den Handwerkern dort gewesen, hatte Farben verglichen, Leuchten ausgesucht, Holzproben in den Händen gedreht und jede Kleinigkeit selbst entschieden. Über der Tür hing schließlich ein schlichtes Schild:
Büro Sophie Kraus. Interior Design.
Zur Eröffnung kam Jonas Baumann mit einer Flasche Prosecco und einem Strauß grüner Zweige. Keine Blumen, sondern tatsächlich Zweige: frisch, lebendig, mit einem Geruch nach Wald und feuchter Erde.
Sophie lachte, als sie sie entgegennahm.
„Warum ausgerechnet Zweige?“
Jonas sah sie ernst an.
„Blumen verwelken. Zweige kann man ins Wasser stellen. Wenn man Glück hat, treiben sie aus. Das gefällt mir besser.“
Sie stellte sie in eine hohe Vase ans Fenster. Eine Woche später hatten sie tatsächlich kleine Blätter bekommen.
Der erste Auftrag kam früher, als Sophie es sich zu hoffen gewagt hatte. Ein junges Paar, Paul Walter und Laura Stein, hatte eine Wohnung in einem Neubau gekauft. Noch war dort nichts außer kahlen Wänden, Estrich, Anschlüssen und dieser seltsamen Mischung aus Hoffnung und Überforderung, die leere Wohnungen oft haben. Laura brachte eine Mappe voller ausgedruckter Bilder und gespeicherter Ideen aus dem Internet mit. Sie wirkte bemüht, aber zugleich ratlos.
„Wir möchten etwas Eigenes“, sagte sie. „Aber wir wissen selbst nicht genau, wie das aussehen soll.“
Sophie nickte.
„Das ist völlig normal. Genau deshalb bin ich da.“
Sie sprachen drei Stunden lang. Sophie fragte nicht zuerst nach Fliesen, Wandfarben oder Möbelmarken. Sie wollte wissen, wie die beiden morgens aufstanden, ob sie gern zusammen frühstückten, wo sie ihre Schuhe abwarfen, ob sie abends Ruhe brauchten oder Besuch, ob es irgendwann eine Katze geben sollte, ob Laura beim Kochen Musik hörte, ob Paul lieber am Fenster las oder am Tisch arbeitete.
Am Ende des Gesprächs sah Laura sie an, als hätte jemand endlich nicht nur ihre Wohnung, sondern sie selbst verstanden.
Für Sophie war das einer der schönsten Augenblicke dieses Jahres.
Ein halbes Jahr später erhielt sie ihre erste Auszeichnung. Nichts Großes, kein Preis mit rotem Teppich, keine Schlagzeile. Eine kleine regionale Branchenauszeichnung, ein Diplom in einem schlichten Rahmen und ein kurzer Beitrag auf einer Fachseite. Für Sophie bedeutete es dennoch mehr, als sie jemandem erklärte.
Jonas schrieb ihr noch am selben Tag: Glückwunsch. Das ist erst der Anfang.
Sie hängte das Diplom im Atelier auf, aber nicht mitten an die Wand, nicht dort, wo jeder sofort hinsah. Es bekam seinen Platz seitlich neben der Pinnwand, zwischen Grundrissen, Stoffmustern, Skizzen und Notizzetteln. So konnte sie es beim Arbeiten aus dem Augenwinkel sehen.
Von einem gemeinsamen Bekannten erfuhr sie irgendwann, dass Daniel sehr schnell wieder eine neue Freundin hatte. Fast sofort. Claudia Berg soll mit dieser Wahl allerdings nicht einverstanden gewesen sein. Doch das gehörte nicht mehr zu Sophies Geschichte.