Da verstummte Stefanie tatsächlich.
Geld verstand sie. Sehr gut sogar.
„Woher willst du denn …“, setzte sie an.
„Das ist meine Angelegenheit.“
Von der Erbschaft erwähnte Laura kein Wort. Sie gehörte ihr. Nur ihr. Und sie hatte nicht vor, sie hier auf den Tisch zu legen, vor einer Frau, die sieben Jahre lang alles Fremde so behandelt hatte, als stünde ihr ein Anspruch darauf zu.
Zwei Wochen später zog Maximilian aus. Ohne Szene, ohne zugeschlagene Türen, ohne die theatralische Verzweiflung, die Stefanie vermutlich erwartet hätte. Er packte seine Kleidung in Kartons, rief einen Transporter und brachte seine Sachen zu seiner Mutter. An der Wohnungstür blieb er noch einmal stehen.
„Laura“, sagte er leise, „bist du dir wirklich sicher?“
„Ja“, antwortete sie. „Ganz sicher.“
Er nickte. In seinem Gesicht lag etwas, das beinahe wie Erleichterung aussah. Vielleicht war genau das das Ehrlichste, was zwischen ihnen in den letzten Jahren noch geschehen war.
Den ersten Abend allein erlebte Laura auf seltsame Weise. Sie ging von Zimmer zu Zimmer, rückte Kleinigkeiten um, nahm alles fort, was eindeutig zu ihm gehört hatte: die Tasse mit der Aufschrift „Bester Ehemann“, den Rasierer im Bad, die Fernbedienung, die Maximilian grundsätzlich unter einem Kissen verschwinden ließ. Danach kochte sie Kaffee, öffnete das Fenster und rief Mia an.
„Und?“, fragte Mia sofort.
„Es ist still“, sagte Laura.
„Still gut oder still schlimm?“
Laura dachte kurz darüber nach.
„Gut“, sagte sie dann. „Sehr gut sogar.“
In der Schreibtischschublade lag währenddessen die Mappe des Notars, ordentlich, fest verschlossen, mit dem Testament von Johanna Lorenz. Eine Zweizimmerwohnung im Zentrum. Eigene Wände. Eigene Fenster. Ein Leben, das nicht mehr aus Rücksicht auf andere zurechtgebogen werden musste.
Stefanie Baumann wusste nichts davon.
Und Laura hatte keinerlei Eile, es ihr mitzuteilen.
Sie würde es früh genug erfahren. Manche Dinge fanden ihren Zeitpunkt von selbst.
Die Abwicklung der Erbschaft zog sich über drei Monate hin.
Laura fuhr zum Notar, besorgte Bescheinigungen, unterschrieb Formulare, wartete in Fluren, sortierte Unterlagen. Es war mühsam, bürokratisch, manchmal ermüdend — und dennoch empfand sie dabei eine eigenartige Freude. Jede Unterschrift fühlte sich an wie ein kleiner Schritt in eine Richtung, die endlich ihr gehörte.
Die Wohnung von Johanna Lorenz war genau so, wie Laura sie aus verschwommenen Kindheitserinnerungen im Kopf behalten hatte: hohe Decken, breite Fenster, alter Parkettboden in einem warmen Honigton. In den Räumen hing der Geruch von Papier, Staub und vergangener Zeit. Auf der Fensterbank standen vertrocknete Pflanzen in Töpfen. Laura warf sie nicht weg. Sie setzte sie um, gab ihnen frische Erde und stellte sie ans Licht. Drei von fünf erholten sich tatsächlich.
Sie ließ keine große Renovierung machen. Nur das Nötige. Die Decken wurden frisch gestrichen, die Wände bekamen ein warmes Weiß, und das Parkett blieb, wie es war, mit seinen Kratzern, seinen dunkleren Stellen, seinem leisen Knarren. Mia half ihr bei den Vorhängen und stritt über jede Kleinigkeit mit einer Leidenschaft, als hinge von der Stoffwahl das Schicksal der Welt ab.