„Diese hier“, sagte Mia und hielt beige Leinenvorhänge hoch.
„Die sind langweilig.“
„Nein. Die sind ruhig. Und Ruhe ist im Moment genau das, was du brauchst.“
Laura sah die Vorhänge eine Weile an und musste schließlich zugeben, dass Mia recht hatte.
Stefanie erfuhr es zufällig. Eine gemeinsame Bekannte hatte Laura beim Notar gesehen und offenbar nicht lange gezögert, die Neuigkeit weiterzutragen. Der Anruf kam noch am selben Abend. Stefanies Stimme klang angespannt höflich, beinahe freundlich — was Laura unheimlicher fand als jede offene Grobheit.
„Man erzählt sich, dir sei eine Wohnung vererbt worden“, sagte sie.
„Ja“, erwiderte Laura.
„Eine gute Wohnung?“
„Eine gute.“
Es entstand eine Pause.
„Weiß Maximilian davon?“
„Wir sind geschieden, Frau Baumann. Es betrifft ihn nicht.“
Am anderen Ende blieb es still. Laura konnte sich fast vorstellen, wie Stefanie in Gedanken die Möglichkeiten durchging, nach einem Zugang suchte, nach einem Hebel, nach irgendeiner Stelle, an der sie ansetzen konnte. Eine alte Gewohnheit.
„Dann leb eben dort“, sagte Stefanie schließlich.
In diesen drei Worten lagen gekränkter Stolz, Neid und etwas, das fast wie Ratlosigkeit klang.
Laura verabschiedete sich ruhig und beendete das Gespräch. Danach rief Stefanie nicht wieder an.
Maximilian meldete sich von sich aus. Es war im November, als draußen bereits der erste Schnee auf den Dächern lag. Seine Nachricht war kurz, ohne Einleitung, ohne Erklärung.
Wie geht es dir?
Laura betrachtete die Zeile lange. Dann tippte sie zurück:
Gut. Wirklich gut.
Nach ein paar Minuten kam seine Antwort.
Das freut mich.
Und aus irgendeinem Grund glaubte sie ihm. Sie waren keine Feinde geworden. Nur zwei Menschen, die viel zu lange so getan hatten, als würden sie denselben Weg gehen.
Im Dezember lud Laura zu einer kleinen Einweihung ein. Mia kam, außerdem zwei Kolleginnen aus dem Verlag und die Nachbarin aus der Wohnung darüber: Lena Krause, siebzig Jahre alt, wacher Blick, scharfer Verstand und die Angewohnheit, die Dinge ohne jede Verzierung beim Namen zu nennen. Sie brachte selbst gemachte Marmelade mit und eine Flasche guten Wein.
Sie saßen bis Mitternacht in der Küche. Es wurde über Bücher gesprochen, über die Stadt, über Zufälle und darüber, wie merkwürdig das Leben manchmal seine Kreise zog. Lena Krause erzählte von Johanna Lorenz. Wie sich herausstellte, waren die beiden in den letzten Jahren miteinander befreundet gewesen. Sie waren zusammen in Ausstellungen gegangen, hatten sich gegenseitig Bücher geliehen und auf dem Balkon Tee getrunken.
„Sie hat von Ihnen gesprochen“, sagte die Nachbarin zu Laura. „Sie meinte, Sie seien ein guter Mensch. Und dass Sie es nicht leicht hätten, aber zurechtkommen würden.“
Laura sah auf ihre Tasse hinunter.
„Woher wollte sie das wissen?“
Lena Krause zuckte leicht mit den Schultern.
„Gute Menschen spüren so etwas“, sagte sie schlicht.
Als die Gäste gegangen waren, wusch Laura die Gläser ab, trocknete die Teller und wischte den Küchentisch sauber. Dann trat sie ans Fenster. Unten leuchtete die Stadt: Straßenlaternen, helle Fenster, Autos, die langsam durch den Schnee glitten. Ein stiller Dezemberabend. Keine Eile. Keine fremden Stimmen mehr in ihrem Kopf. Niemand, der sie drängte, beurteilte oder ihr ein Leben erklärte, das gar nicht seines war.
Sie dachte an Johanna Lorenz, an diese kleine Frau mit den freundlichen Augen, die sie kaum gekannt hatte. Und die Laura dennoch auf eine Weise erkannt haben musste, wie es manchen nahestehenden Menschen nie gelungen war. Johanna hatte ihr nicht einfach eine Wohnung hinterlassen. Sie hatte ihr einen Anfang geschenkt.
Für so etwas bedankt man sich nicht mit lauten Worten.
Man lebt. Aufrichtig. Frei. Mit ganzer Kraft.
Laura lächelte ihrem Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe zu.
Draußen fiel weiter Schnee.
Und das neue Leben hatte längst begonnen.