Denn ich wusste: Es hätte keinen Zweck. Zweimal hatte ich bereits etwas angesprochen, und beide Male war die Antwort gewesen: „Wir kümmern uns darum.“ Gekümmert wurde sich dann immer auf dieselbe Weise: gar nicht.
Ich saß an meinem Schreibtisch und starrte auf den Monitor. Auf die geplatzte Lieferung. Auf die Reklamation von „SüdTrans Logistik“. Auf sechzehn Stunden meiner Lebenszeit, die sinnlos verbrannt worden waren. Über mir brummte die Klimaanlage und blies diese trockene, amtliche Luft in den Raum, von der mir gegen Abend grundsätzlich der Kopf wehtat. Draußen wurde es dunkel – ein Dezemberabend, halb fünf.
Meine Hände lagen auf der Tastatur. Irgendwann bemerkte ich, dass ich gar nicht schrieb. Ich saß einfach nur da. Mein Finger berührte mechanisch die Leertaste. Einmal. Noch einmal. Dreizehn Jahre – einundvierzig Millionen – vier Zusagen – null Ergebnis.
In diesem Moment rief Paul Krüger an. Nicht im Büro. Auf meinem privaten Handy.
– Sophie, sag mir ehrlich: Bleibt dieser neue Mann?
– Danach sieht es aus.
– Hör zu. Mit ihm arbeite ich nicht. Seit zehn Jahren bekomme ich ständig neue Betreuer vorgesetzt, ich gewöhne mich an jemanden, und dann ist er wieder weg. Mir reicht es. Du bist meine Ansprechpartnerin. Wenn du gehst, lege ich den Vertrag auf Eis.
Ich schwieg und hörte ihm zu. Hinter der Wand erklärte Leon irgendjemandem am Telefon gerade etwas von „Prozessoptimierung“.
– Danke, Paul Krüger, sagte ich schließlich. – Ich bin erreichbar. Wie immer.
Ich legte auf, klappte meinen Laptop auf und aktualisierte zum ersten Mal seit dreizehn Jahren meinen Lebenslauf.
Meine Finger flogen über die Tastatur, ohne zu stocken. „Erfahrung in der Begleitung von Ausschreibungen – 23 Jahre. Betreuung laufender Vertragsportfolios – bis zu 9 Verträge parallel. Jährliches Vertragsvolumen – ab 35 Millionen Euro.“ Schwarz auf weiß wirkte das beeindruckend. Auf dem Papier war ich viel wert. Hier dagegen war ich nur diejenige, die „auffangen“ sollte.
Auf meinem Schreibtisch lag Leons Vorlage mit den bunten Diagrammen. Ich schob sie bis an die Kante. Dann nahm ich meine eigene Mappe hervor – eine einfache aus Karton, ohne Etikett, ohne Aufdruck. Dort hinein legte ich Kopien: Verträge, Abstimmungsprotokolle, Tabellen mit meinen Randnotizen. Nicht alles. Nur das, was wirklich mir gehörte. Das, was ich aufgebaut hatte, was an meinem Namen hing und an den Beziehungen, die ich über Jahre gepflegt hatte.
Wofür genau, wusste ich noch nicht. Für alle Fälle.
Die Monatsbesprechung wurde auf Mittwoch gelegt. Leon bereitete seine Präsentation zum Quartalsplan vor – seine erste. Einen Tag vorher sah ich den Entwurf. Die Datei lag auf dem gemeinsamen Laufwerk, ich öffnete sie und überflog die Zahlen. In der Zeile für Rückläufer stand ein Fehler. Er hatte den Prozentsatz aus dem Vorjahr übernommen, aber nicht berücksichtigt, dass „ProInvest“ im Oktober eine große Lieferung zurückgegeben hatte. Die Differenz betrug fast achthunderttausend Euro.
Ich ging zu ihm hinüber.
– Leon, bei den Rückläufern stimmt die Berechnung nicht. Die Zahlen müssen neu angesetzt werden, einschließlich der Oktoberrückgabe von „ProInvest“.