Er drehte sich nicht einmal vom Bildschirm weg. Seine Finger hämmerten weiter auf die Tastatur, als hätte ich nur etwas Belangloses gesagt.

– Ich weiß schon, was ich berechne. Danke.

Dann rückte er seine Krawatte zurecht. Diese Geste hatte ich längst erkannt: Immer wenn Leon Werner nicht zuhören wollte, griff er an den Knoten. Schon in seiner ersten Woche war mir das aufgefallen.

Am Mittwochmorgen roch der Besprechungsraum nach Whiteboard-Markern und einem fremden, schweren Parfüm. Acht Leute aus unserer Abteilung saßen um den Tisch, Michael Bergmann am Kopfende. Leon schloss seinen Laptop an, und kurz darauf leuchtete seine Präsentation auf der Leinwand: Diagramme, moderne Schriftarten, sauber gesetzte Überschriften, in der Ecke das Logo irgendeines Business-Kurses.

Er sprach mit fester Stimme. Bewegte die Hände, als stünde er auf einer Bühne. Benutzte Begriffe wie „Traction“, „Benchmark“ und „Unit Economics“. Die anderen hörten schweigend zu. Hannah Walter starrte auf die Tischplatte. Sebastian Winter aus der Logistik kritzelte in sein Notizbuch.

Michael Bergmann nickte zufrieden. Dann erschien die Folie mit den Quartalsergebnissen. Genau dort stand die Zahl, die ich schon im Entwurf gesehen hatte. Falsch. Um fast achthunderttausend Euro. Ich sagte zunächst nichts.

– Sehr gute Arbeit, Leon, – erklärte Michael Bergmann. – Ein frischer Blick. Man merkt eben, dass da jemand eine solide Ausbildung mitbringt.

Hannah räusperte sich leise. Unsere Blicke trafen sich. Sie hob kaum merklich die Augenbrauen, als wollte sie fragen: „Siehst du das auch?“ Ja. Ich sah es.

Sebastian beugte sich zu mir herüber und flüsterte:

– Sophie, sag doch was. Du weißt doch, dass das nicht stimmt.

Ich wartete noch einen Moment. Nicht, weil ich Angst hatte. Sondern weil ich genau wusste, was passieren würde, sobald ich den Mund aufmachte. Michael Bergmann würde es drehen, wie er es immer drehte. Aber zu schweigen hätte bedeutet, den Fehler in den Quartalsbericht wandern zu lassen. Und von dort aus weiter zu Marie Baumann, der kaufmännischen Direktorin. Dann würde es nicht nur Leon treffen. Dann würde es uns alle treffen.

– Leon, – sagte ich ruhig, ohne Schärfe. – In der Zeile für die Rückläufer steckt ein Fehler. Die Oktoberrückgabe von ProInvest ist nicht eingerechnet. Die tatsächliche Zahl weicht um achthunderttausend Euro ab. Damit verändert sich das Quartalsergebnis.

Für ein paar Sekunden war es vollkommen still.

Leon sah erst zur Leinwand, dann zu mir und schließlich zu Michael Bergmann.

– Ich prüfe das noch einmal, – sagte er.

Zum ersten Mal zitterte seine Stimme.

Michael Bergmann klopfte mit dem Stift auf die Tischplatte. Einmal. Dann ein zweites Mal.

– Sophie, jetzt reicht es. Leon kümmert sich darum. Du bist nicht die Senior-Managerin, das fällt nicht in deinen Verantwortungsbereich.

Nicht mein Verantwortungsbereich. Dreizehn Jahre lang war es meiner gewesen. Und jetzt plötzlich nicht mehr.

Ich schlug mein Notizbuch zu, legte den Stift daneben und blieb sitzen. Leon führte seine Präsentation zu Ende, aber nun hastiger, unsicherer, weniger glatt als zuvor. Die Luft im Raum wurde stickig. Irgendjemand öffnete einen Spalt breit die Tür.