Nach der Besprechung fing Michael Bergmann mich im Flur ab. Er fasste mich am Ellenbogen, sanft, beinahe vertraulich.

– Sophie. Warte kurz.

Ich blieb stehen. Aus der kleinen Küche drang das Brummen der Kaffeemaschine. Über uns flackerte eine Lampe, die seit drei Wochen niemand ausgetauscht hatte.

– Hör zu, ich verstehe dich, – sagte er leise, fast im Flüsterton. – Das eben war nicht schön. Mit den Zahlen hast du recht, ich sehe mir das an. Und pass auf: Zum Quartalsende sorge ich dafür, dass du eine ordentliche Prämie bekommst. Eine richtige. Nicht so etwas wie sonst.

Er sah mir in die Augen. Schuldbewusst. Fast ehrlich.

– Du musst nur verstehen: Meine Schwester hat mich darum gebeten. Familie eben. Du bist doch eine erwachsene Frau, du weißt, wie das ist.

Ich wusste es. Seit dreizehn Jahren wusste ich es. Ich hatte die Hypothek verstanden. Die Umstrukturierung verstanden. Das ewige „Warte noch ein bisschen“ verstanden. Und nun sollte ich auch noch „Familie“ verstehen.

– In Ordnung, – sagte ich und nickte.

Michael Bergmann atmete erleichtert aus. Für ihn war die Sache damit erledigt. Er hatte das Problem gelöst. Dann drehte er sich um und ging in sein Büro.

Ich blieb im Flur stehen. Kurz darauf kam Marie Baumann an mir vorbei, schnellen Schrittes, ein Tablet unter dem Arm. Als sie mich bemerkte, nickte sie.

– Guten Tag, Sophie Lorenz.

Mit Namen. Sie kannte alle in der Abteilung beim Namen, aber nicht jeden sprach sie auch so an.

– Guten Tag, Frau Baumann, – antwortete ich.

Sie ging weiter. Ich blieb noch einen Augenblick stehen. Dann zog ich mein Telefon aus der Tasche und wählte die Nummer der Personalagentur, die mir am Vorabend eine Stellenanzeige geschickt hatte. Nach dem zweiten Klingeln nahm jemand ab.

Am Donnerstag ging ich zum Vorstellungsgespräch. Am Freitag lag das Angebot in meinem Postfach. Position: leitende Spezialistin für Vertragsmanagement. Gehalt: zwanzig Prozent mehr. Ein neues Unternehmen. Ein anderer Schreibtisch. Ein Vorgesetzter, der nicht versprach, sondern entschied.

Ich öffnete die Mail immer wieder, las das Angebot dreimal durch. Dann klickte ich auf „Annehmen“.

Am Montag war ich früher im Büro als sonst. Halb acht. Das Gebäude wirkte noch leer; unten saß nur der Sicherheitsmann, im zweiten Stock arbeitete die Reinigungskraft. Es roch nach Bodenreiniger, scharf und nach Kiefer.

Ich setzte mich an meinen Platz und holte einen Umschlag aus der Tasche. Darin lag mein Schreiben. „Hiermit kündige ich mein Arbeitsverhältnis ordentlich zum 23. Dezember 2026.“ Zwei Wochen Frist, wie es das Gesetz verlangte. Daneben legte ich ein einzelnes Blatt.

Darauf stand eine Tabelle. Neun Zeilen, neun Verträge. Firmenname, Ansprechpartner, Jahresvolumen, entscheidende Sonderbedingungen, die in keinem CRM-Feld auftauchten. Unten hatte ich mit der Hand ergänzt: „Die aufgeführten Vorgänge werden ausschließlich von mir betreut. Eine vollständige Dokumentation im System liegt nicht vor. Für die Übergabe ist meine Mitwirkung erforderlich.“

Das Register. Eine Seite. Genau die Datei, nach der später alle suchen würden.