Den Umschlag schob ich zurück in die Schublade. Das Blatt ließ ich neben mir liegen. Dann wartete ich.

Gegen neun waren alle da. Leon erschien zehn Minuten vorher, mit einem Kaffee aus der Bäckerei unten und neuen Schuhen. Schon im Flur hörte ich, wie laut und schwungvoll er die Kollegen begrüßte, als gehöre ihm der Laden. Vor drei Wochen hatte er nicht einmal gewusst, wo der Drucker stand. Jetzt verteilte er Anweisungen.

Er kam in den Großraum, entdeckte mich an meinem Platz und sagte:

– Sophie, bereite mir bitte eine Übersicht vor.

– zu sämtlichen Verträgen bis zur Mittagspause. Mit Anmerkungen. Und bitte ordentlich formatiert. Deine Tabellen kann man ohne Übersetzung kaum entziffern.

Er sagte das vor vier Kollegen. Nicht als Bitte, sondern wie eine Anordnung. Als wäre ich seine Assistentin. Ich, die schon in diesem Büro gesessen hatte, als er vermutlich noch für Klassenarbeiten lernte.

Michael Bergmann stand am Wasserspender und füllte seinen Becher. Er bekam jedes Wort mit. Und sagte nichts.

Ich sah Leon an. Auf seine Smartwatch, auf die glänzenden Schuhe, auf den Pappbecher in seiner Hand, auf dem der Barista mit Filzstift „Leon“ geschrieben hatte. Sechsundzwanzig Jahre alt. Drei Wochen im Unternehmen. Und schon: „bis zur Mittagspause“.

Langsam nahm ich meine Brille ab, die an der Kette hing, und legte sie vor mich auf den Schreibtisch.

– Michael Bergmann, – sagte ich ruhig. Nicht laut, aber deutlich genug.

Er drehte sich um, den Plastikbecher noch in der Hand.

– Komm bitte kurz rein.

Er ging in sein Büro und setzte sich hinter den Schreibtisch. Ich folgte ihm. Die Tür ließ ich offen. Absichtlich.

Aus meiner Schublade nahm ich den Umschlag und legte ihn vor ihn hin.

– Meine Kündigung. Ordentlich, mit zwei Wochen Frist. Ab heute.

Michael Bergmann starrte zuerst auf den Umschlag, dann auf mich, dann wieder auf das Papier. Der Kugelschreiber zwischen seinen Fingern blieb reglos. Sogar dieses nervöse Klopfen hörte auf.

– Sophie, jetzt warte doch. Mach nichts im Affekt. Wir reden darüber.

Ich legte ein zweites Blatt daneben. Genau jenes Blatt. Die Liste.

– Hier. Neun Verträge. Im vergangenen Jahr ein Volumen von 413.000 Euro. Jeder einzelne davon läuft über persönliche Absprachen, die ich aufgebaut habe. Konditionen, die über Jahre entstanden sind: Zahlungsziele, Rabatte, Sonderwege bei Lieferungen. Nichts davon steht im CRM. Weil ein CRM nicht speichern kann, dass Paul Krüger von Rheinbau vor zehn Uhr angerufen werden muss, sonst geht er den ganzen Tag nicht mehr ans Telefon. Und dass HanseTrans Logistik Abnahmen nur am letzten Tag des Monats unterschreibt. Verpasst man diesen Termin, schieben sie die Zahlung um ein ganzes Quartal.

Michael Bergmann las. Ich sah, wie seine Augen Zeile für Zeile über das Blatt wanderten. Langsam. An den Zahlen blieb er hängen.

– Das ist keine Erpressung, – sagte ich. – Das ist die Lage. Du hast jemanden auf meine Position gesetzt, der nicht einmal die Hälfte der Kunden beim Namen kennt. Dreizehn Jahre habe ich dieses Geflecht aufgebaut. Viermal habe ich gehört: „Im nächsten Quartal.“ Und am Ende soll ich ihm bis mittags eine Übersicht machen.