– Sophie …
– Nein, – unterbrach ich ihn. Meine Stimme zitterte nicht. Zum ersten Mal seit drei Wochen fühlte ich mich vollkommen ruhig. – Nicht Sophie. Sophie Lorenz. Fachkraft mit dreiundzwanzig Jahren Berufserfahrung. Dreizehn davon hier. Bezahlt mit Vertröstungen.
Im Türrahmen stand Leon. Wann er näher gekommen war, hatte ich nicht bemerkt. Sein Gesicht war blass. In der Hand hielt er noch immer den Kaffeebecher mit seinem Namen darauf.
– Onkel Michael, was ist denn …
– Nicht jetzt, – schnitt Michael Bergmann ihm das Wort ab.
Seine Stimme war heiser geworden. Er nahm die Brille ab und rieb die Gläser mit dem Saum seines Hemdes.
– Sophie Lorenz, lass mich mit der Geschäftsleitung sprechen. Vielleicht finden wir eine Lösung. Eine Stelle, eine Zulage, irgendetwas.
– Das ist nicht nötig, – antwortete ich. – Meine Lösung habe ich bereits gefunden.
Ich nahm meine Brille vom Schreibtisch, setzte sie auf und ging hinaus.
Die zwei Wochen Kündigungsfrist verliefen still. Ich übergab alles, was ich übergeben musste. Stellenbeschreibungen, Abläufe, Vorlagen, offizielle Dokumente. Nicht mehr. Meine privaten Notizen, meine Kontaktlisten, meine Aufzeichnungen zu Kunden und Eigenheiten blieben bei mir. Sie gehörten nicht der Firma.
Am vierten Tag rief Lukas Friedrich von „Granit“ an. Er hatte erfahren, dass ich gehe.
– Sophie, gib mir deine neue Nummer. Wir arbeiten mit dir, nicht mit diesem Laden.
Am siebten Tag meldete sich Paul Krüger.
– Ich hatte es ja angekündigt. Der Vertrag bleibt auf Eis, bis klar ist, wer zuständig ist.
Am zehnten Tag wurde Michael Bergmann zu Marie Baumann gerufen. Ihre Bürotür blieb zwanzig Minuten geschlossen. Als er wieder herauskam, war sein Hemd zerknittert und sein Gesicht hochrot. An meinem Tisch ging er vorbei, ohne mich anzusehen.
Hannah Walter beugte sich zu mir herüber und flüsterte:
– Sie hat ihn gefragt, warum drei Verträge plötzlich pausieren.
Drei von neun. Nach zehn Tagen.
Sechs Wochen später saß ich an einem anderen Schreibtisch.
Ein neues Büro, eine andere Etage, ein anderer Blick aus dem Fenster. Keine graue Parkplatzfläche mehr, sondern ein kleiner Park mit Bäumen. Vor mir standen ein Laptop, eine Tasse Tee und ein Notizbuch. Keine bunten Diagramme, keine hastig zusammengeklickten Präsentationen. Mein neuer Vorgesetzter spricht mich mit vollem Namen an. Und wenn er etwas zusagt, passiert es auch.
Zwei Kunden kamen von selbst. Paul Krüger rief am zweiten Tag an. Lukas Friedrich von „Granit“ am fünften. Ich hatte niemanden geworben, niemanden gelockt, keine vertraulichen Daten genutzt. Sie fanden meine Nummer und meldeten sich. Das war ihre Entscheidung.
Michael Bergmann bekam eine schriftliche Abmahnung. Leon Werner betreut inzwischen fünf der neun Verträge. Vier weitere stehen weiterhin auf „pausiert“. Aus 413.000 Euro wurden 230.000. Ein Minus von rund 180.000 Euro im Quartal. Zahlen, die Marie Baumann nun Monat für Monat in ihren Berichten sieht.
Michael Bergmann rief zweimal an. Das erste Mal eine Woche nach meinem Weggang.
„Sophie, komm, lass uns noch einmal reden. Vielleicht steigst du wieder ein.“
Das zweite Mal drei Wochen später.
„Hör zu, die Kunden fragen nach dir. Kannst du Leon wenigstens telefonisch ein bisschen helfen?“
Ich ging nicht ran. Kein einziges Mal.
Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn es diesen Montag nicht gegeben hätte. Wenn Leon nicht vor allen gesagt hätte, ich solle ihm bis zur Mittagspause etwas vorbereiten. Vielleicht säße ich noch immer auf diesem abgewetzten Stuhl, in diesem Flur mit der flackernden Lampe, und wartete auf das fünfte Versprechen.
Dreizehn Jahre. Viermal „warte noch“. Ein einziges Blatt auf dem Tisch.
Hätte ich still gehen sollen – oder war es richtig, ihnen zu zeigen, was sie gerade verloren hatten?