Nachdem er die Wohnung verlassen hatte, weinte Sophie Mayer nicht. Sie holte den Ordner mit den Unterlagen hervor, prüfte den Eigentumsnachweis, den Ehevertrag, auf dessen Abschluss sie vor der Hochzeit bestanden hatte, und druckte den Kontoauszug aus. Den Ehevertrag hatte Philipp Richter damals ohne Widerstand unterschrieben. Er hatte sogar gelacht und gesagt, fremdes Eigentum brauche er nicht. Sophie Mayer hatte sich diesen Satz gemerkt. Nun klang er ausgesprochen nützlich.

In jener Nacht ging sie spät ins Bett. Nicht, weil sie vor Kummer nicht schlafen konnte, sondern weil sie einen genauen Maßnahmenplan schrieb.

Am nächsten Morgen, während die Stadt unter der Julisonne flimmerte, fuhr Sophie Mayer zur Bank. Dort entzog sie den gemeinsamen Zugriff auf das Sparkonto und ließ nur jene Vorgänge bestehen, die eine gesonderte Bestätigung erforderten.

Die Bankangestellte fragte behutsam nach, ob es einen Anlass zur Sorge gebe. Sophie Mayer sah sie ruhig an und gab nur eine knappe Erklärung ab:

„Familiäre finanzielle Vorsorge.“

Mehr sagte sie nicht.

Danach eröffnete sie ein neues Konto ausschließlich auf ihren Namen, überwies dorthin ihre persönlichen Rücklagen und ließ sich von sämtlichen Auszügen Kopien anfertigen. Von der Bank fuhr sie direkt weiter zu einer Anwältin, bei der sie sich vor Jahren einmal wegen eines Ehevertrags hatte beraten lassen. Sabine Huber, eine schmale, nüchtern wirkende Frau mit strengem Blick, blätterte die Unterlagen zügig durch.

„Keine Kinder, keine gemeinsame Immobilie“, fasste sie zusammen. „Wenn Ihr Mann einverstanden ist, kann die Scheidung über das Standesamt vorbereitet und anschließend unkompliziert eingereicht werden. Falls er sich querstellt oder wegen des Geldes Streit anfängt, müssen Sie mit einem gerichtlichen Verfahren rechnen. Die Überweisung an den Bruder sollten wir sauber dokumentieren. Ging der Betrag von gemeinsamen Ersparnissen ab?“

„Ja.“

„Dann prüfen wir, ob sich Ihr Anteil als unberechtigt entzogene Familienmittel zurückfordern lässt. Aber zuerst fordern Sie die Rückzahlung freiwillig an. Schriftlich. Sachlich. Ohne Vorwürfe.“

Sophie verschränkte die Hände auf dem Schoß.

„Er ist überzeugt, dass ich spätestens in einer Woche um Verzeihung bitte.“

Sabine Huber nahm ihre Brille ab und sah Sophie über die Mappe hinweg an.

„Ausgezeichnet. Menschen, die sich zu sicher fühlen, übersehen gern das Wesentliche.“

Dieser Satz gefiel Sophie.

Erst gegen Abend kam sie wieder nach Hause. In der Wohnung herrschte eine ungewohnte Stille. Kein Fernseher lief im Hintergrund, wie Philipp Richter ihn sonst gern eingeschaltet ließ. Im Flur standen keine Turnschuhe im Weg. Auf dem Küchentisch wartete keine Tasse, die er wie immer „später“ wegräumen wollte. Zum ersten Mal fiel Sophie auf, wie viel Raum nicht seine Anwesenheit eingenommen hatte, sondern die ständige Erwartung seines nächsten gereizten Kommentars.

Sie öffnete den Kleiderschrank und begann zu sortieren. Nicht hastig, nicht theatralisch, ohne Hemden auf den Boden zu werfen oder vor dem Spiegel eine Szene zu spielen. Sie arbeitete ruhig und genau: T-Shirts in einen Beutel, Philipps Unterlagen in eine separate Mappe, die Werkzeuge, die er aus der alten Wohnung seiner Mutter mitgebracht hatte, in einen Karton. Auf jedes Paket klebte sie einen Zettel. Ordnung tat ihr gut. Besonders dann, wenn andere fest damit rechneten, dass sie im Durcheinander versinken würde.