Am zweiten Tag meldete sich Philipp zum ersten Mal.

„Na, hast du dich wieder beruhigt?“

Sophie las die Nachricht und antwortete nicht.

Eine Stunde später kam die nächste.

„Du benimmst dich lächerlich. Ich bin bei meiner Mutter. Du könntest wenigstens fragen, wie es mir geht.“

Sie machte Screenshots, speicherte alles in ihrem Ordner und legte das Handy beiseite.

Am dritten Tag rief ihre Schwiegermutter Anna König an.

„Sophie, was hast du mit Philipp angestellt? Er sitzt hier völlig aufgewühlt.“

„Guten Tag, Frau König.“

„Von gut kann keine Rede sein. Dein Mann ist aus der Wohnung gegangen, und du schweigst einfach. Eine Frau sollte wissen, wie man Spannungen entschärft.“

Sophie öffnete das Fenster. Von draußen drangen das Rattern eines Rasenmähers und helles Kinderlachen herein.

„Ich habe jahrelang geglättet. Jetzt dürfen die Kanten einmal so liegen bleiben, wie sie sind.“

„Du bist frech geworden.“

„Nein. Ich bin aufmerksam geworden.“

„Er hat seinem Bruder geholfen! Seinem eigenen Bruder! Seit wann ist das ein Verbrechen?“

„Helfen kann man mit eigenem Geld. Den Anteil des anderen an gemeinsamen Rücklagen rührt man nicht an, ohne vorher darüber zu sprechen.“

„Ach, immer dieses Rechnen! Geld kommt und geht.“

„Dann wird es Felix Köhler ja leichtfallen, es zurückzugeben.“

Am anderen Ende entstand eine Pause. Anna König hatte mit dieser Antwort offenbar nicht gerechnet.

„Du willst also eure Ehe wegen Geld zerstören?“

„Nein. Philipp hat das bereits selbst erledigt. Das Geld hat nur sichtbar gemacht, nach welchem Muster es läuft.“

Die Schwiegermutter setzte noch einmal an, doch Sophie beendete das Gespräch höflich. Anschließend notierte sie Datum, Uhrzeit und den Inhalt des Telefonats in Stichpunkten. Früher hätte sie eine solche Genauigkeit für Kälte gehalten. Jetzt begriff sie: Wenn andere mit Lautstärke Druck erzeugen, kann das nüchterne Festhalten von Tatsachen zum Schutzschild werden.

Am vierten Tag erschien Felix Köhler auf ihrem Display. Sophie betrachtete seinen Namen und lächelte kurz ohne Freude. Nun tauchte also auch der zweite Beteiligte der Überweisung auf.

„Sophie, hi. Hör mal, Philipp macht sich Sorgen. Warum reagierst du denn so heftig?“

„Felix, wann zahlst du das Geld zurück?“

Er schwieg einen Moment.

„Wir sind doch keine Fremden.“

„Wann?“

„Sobald mein Projekt richtig anläuft, dann kann ich sofort—“

„Ein Datum.“

„Du redest ja wie ein Inkassobüro.“

„Nein. Ein Inkassobüro wäre deutlich unfreundlicher. Ich frage im Moment nur.“

Felix atmete hörbar aus.

„In einem Monat fange ich an, in Raten zu zahlen.“

„Ich brauche das schriftlich. Schreib Philipp und mir, welche Summe du bekommen hast und bis wann du sie zurückgeben willst. Ohne diese Bestätigung läuft alles Weitere über die Anwältin.“

„Das meinst du ernst?“

„Vollkommen.“

„Philipp hat gesagt, du bist nicht nachtragend.“

Sophie sah zu den Kartons mit den Sachen ihres Mannes hinüber, die ordentlich an der Wand standen.

„Philipp hat sich in ziemlich vielen Dingen geirrt.“

Am fünften Tag bestellte sie einen Schlüsseldienst und ließ das Schloss der Wohnungstür austauschen. Nicht aus Rachsucht und nicht für einen dramatischen Effekt. Philipp war gegangen, hatte seine Schlüssel nicht zurückgegeben, und die Wohnung gehörte ihr. Mehr brauchte es für diese Entscheidung nicht. Der Handwerker kam am frühen Nachmittag, erledigte die Arbeit ohne viele Worte, stellte eine Quittung aus und übergab ihr zwei neue Schlüsselsätze. Einen legte Sophie in den kleinen Safe, den anderen steckte sie in ihre Handtasche.