Am Abend schickte Philipp ein Foto aus einem Café: eine Tasse Kaffee, ein Stück Käsekuchen, der Rand seiner Hand mit der Uhr. Darunter stand nur: „Mir geht’s gut.“
Sophie betrachtete das Bild, speicherte es aus reiner Gewohnheit zur Vollständigkeit ab und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Sie bereitete die Eröffnung einer Ausstellung vor, stimmte mit einem Künstler die Lieferung der Werke ab und schrieb nebenbei die Liste mit Philipps Eigentum weiter. Wenn er gut lebte, sollte er das tun. Es war nicht mehr ihr Problem.
Am siebten Tag kam Philipp zurück.
Er erschien gegen neun Uhr abends, als die Hitze endlich nachgelassen hatte und im Hof der Geruch von feuchtem Staub nach dem Bewässern der Rasenflächen hing. Sophie hatte gerade auf dem Tisch die Unterlagen ausgebreitet: den Antrag auf einvernehmliche Scheidung, den Entwurf einer Zahlungsaufforderung wegen der überwiesenen Summe, die Aufstellung seiner Sachen und die ausgedruckten Kontoauszüge.
Zuerst versuchte er, die Wohnung mit seinem Schlüssel aufzuschließen.
Der Schlüssel glitt zwar ins Schloss, doch beim Drehen griff nichts mehr. Einmal, dann ein zweites Mal bewegte sich das Metall ins Leere. Kurz darauf schrillte die Klingel.
Sophie trat zur Tür und sah durch den Spion.
Draußen stand Philipp Richter mit einem Blumenstrauß in der Hand. Es waren Sommerchrysanthemen, schon ein wenig schlapp und zerdrückt, als hätte er sie unterwegs an irgendeinem Kiosk gekauft, der gerade noch geöffnet hatte. Sein Gesicht trug diesen selbstsicheren Ausdruck, den sie so gut kannte, doch in seinen Augen flackerte bereits Ärger.
„Mach auf“, sagte er durch die geschlossene Tür.
Sophie öffnete, blieb jedoch im Türrahmen stehen.
„Mein Schlüssel funktioniert nicht“, stellte Philipp fest.
„Ich weiß.“
„Du hast das Schloss auswechseln lassen?“
„Ja.“
Er lachte kurz auf, trocken und abfällig.
„Na großartig. Spielst du jetzt die unabhängige Frau?“
„Philipp, die Wohnung gehört mir. Du bist gegangen und hast die Schlüssel nicht zurückgegeben. Also habe ich meine Wohnung abgesichert.“
„Ich bin dein Mann.“
„Noch. Deshalb habe ich zwei Möglichkeiten vorbereitet. Entweder gehen wir gemeinsam zum Standesamt und reichen den Antrag auf Scheidung ein, ruhig und ohne Theater, weil wir keine Kinder haben und die Wohnung nicht zur Aufteilung steht. Oder du weigerst dich, dann reiche ich die Scheidung vor Gericht ein. Die Sache mit dem Geld, das du ohne meine Zustimmung an Felix Köhler überwiesen hast, läuft gesondert.“
Der Strauß in seiner Hand sank sichtbar tiefer.
„Das meinst du doch nicht ernst.“
„Doch.“
„Ich war eine Woche bei meiner Mutter, und du willst dich direkt scheiden lassen?“
„Du warst nicht einfach eine Woche bei deiner Mutter. Du hast dieses Weggehen jahrelang als Druckmittel benutzt. Früher habe ich dich immer wieder zurückgeholt. Diesmal tue ich es nicht mehr.“
Philipp machte einen Schritt auf sie zu. Sophie wich nicht aus. Sie stand ruhig in der Tür, aufrecht, in einer hellen Leinenbluse, die Haare zusammengebunden. Ihre Stimme zitterte nicht, sie suchte nicht nach Entschuldigungen, bat nicht um Verständnis. Zum ersten Mal sah er vor sich nicht die gekränkte Ehefrau, die man mit Schweigen und Abwarten mürbe machen konnte, sondern eine Frau, die ihren Entschluss bereits gefasst hatte.