„Lass mich rein“, sagte er nun schärfer.
„Nein.“
„Meine Sachen sind da drin.“
„Sie sind gepackt. Einen Teil gebe ich dir jetzt. Den Rest holst du zu einem abgesprochenen Termin.“
„Du kannst mir nicht verbieten, reinzukommen.“
„Doch, das kann ich. Du bist nicht Eigentümer. Gemeldet bist du hier auch nicht. Du hast hier als Familienangehöriger der Eigentümerin gewohnt und bist freiwillig ausgezogen. Wenn du das anfechten willst, dann bitte auf legalem Weg. Ich würde dir jedenfalls nicht raten, dich hier auf dem Flur mit Gewalt Zutritt zu verschaffen.“
Ein Muskel in seiner Wange zuckte. Philipp war nicht dumm, und genau deshalb begann er in diesem Moment, die Folgen abzuwägen. Einen Auftritt konnte er machen, natürlich. Aber hinter den Nachbartüren war längst jedes Geräusch zu hören. Mitleid würde nichts bringen. Die Blumen hatten ihre Wirkung verfehlt. Der Schlüssel passte nicht mehr. Das alte System war nicht in einem großen Knall zerbrochen, sondern nüchtern, fast verwaltungsmäßig: Schritt für Schritt, Punkt für Punkt.
„Sophie“, sagte er plötzlich mit weicherer Stimme. „Jetzt übertreib nicht. Ich war wütend, du warst wütend. Lass mich reinkommen, dann reden wir wie Erwachsene.“
„Wir können hier reden. Oder in einem Café. Nicht in meiner Wohnung.“
„Das ist doch lächerlich.“
„Für mich nicht.“
Er musterte sie genauer.
„Du hast das wirklich entschieden?“
„Ja.“
„Wegen Felix?“
„Wegen dir.“
Sophie verschwand kurz und brachte die erste Tasche mit seinen Sachen heraus. Sie stellte sie neben die Tür. Danach holte sie eine Kiste mit Werkzeug. Philipp blieb unbeweglich stehen, den Blumenstrauß inzwischen kopfüber in der Hand. Im Treppenhaus lag der Geruch von warmem Beton, Staub und der aufgeheizten Luft, die von draußen nach oben stieg.
„So warst du früher nicht“, sagte er leise.
„Doch. Ich war nur damit beschäftigt, mich so klein zu machen, dass du es nicht bemerken musstest.“
„Ich kann das Geld zurückholen.“
„Gut. Dann bitte schriftlich mit Frist.“
„Ich rede mit Felix.“
„Mit ihm hast du schon geredet, als du überwiesen hast.“
Philipps Finger krampften sich um die Folie des Straußes, bis sie hörbar knisterte.
„Und wenn ich der Scheidung nicht zustimme?“
„Dann geht es über das Gericht. Es dauert länger, aber es macht mir keine Angst.“
„Du bist eiskalt geworden.“
„Nein. Ich bin vorsichtig geworden. Du hast mich dazu erzogen.“
Er setzte an, etwas zu erwidern, doch in diesem Moment kam Marie Krüger aus dem dritten Stock die Treppe herauf, eine Einkaufstasche in der Hand. Ihr Blick wanderte von Philipp zu den Kartons und dann zu Sophie im Türrahmen.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte sie sachlich.
„Ja“, antwortete Sophie. „Mein Mann holt seine Sachen.“
„Wenn etwas ist, rufen Sie mich“, sagte die Nachbarin und ging weiter nach oben.
Philipp wurde rot, nicht dramatisch, nicht wie in einem Film, sondern unschön: fleckig am Hals, dann im Gesicht. Zeugen waren für ihn schlimmer als jeder Streit. Vor anderen Menschen wollte er stets der vernünftige Mann sein, der lediglich falsch verstanden wurde.