Draußen blieb Philipp neben ihr stehen.
„Weißt du“, sagte er, „ich finde immer noch, dass du zu hart bist.“
Sophie setzte ihre Sonnenbrille auf.
„Und ich finde, dass ich zum ersten Mal rechtzeitig gehandelt habe.“
„Hast du wirklich keine Angst, allein zu sein?“
Sie sah ihn an. Früher hätte diese Frage genau jene alte Unsicherheit getroffen, die er kannte. Jetzt klang sie beinahe fremd.
„Ich habe Angst, noch ein paar Jahre falsch zu verbringen.“
Darauf wusste Philipp nichts zu sagen. An der Kreuzung trennten sich ihre Wege: Er ging zum Parkplatz, sie in Richtung Haltestelle. Sophie hätte sich ein Taxi rufen können, doch sie wollte zu Fuß weiter, auf der schattigen Seite der Straße. Der Sommer war grell, laut und rücksichtslos lebendig. An einem Kiosk wurde kaltes Wasser verkauft, vor dem Blumenladen standen Eimer voller Gladiolen, und aus der geöffneten Tür einer Bäckerei zog der Duft von warmem Teig und Zimt.
Die Stadt machte weiter, als würden nirgendwo Ehen zerbrechen, als würde niemand Habseligkeiten in Tüten sortieren und neu lernen, eine Tür ohne Angst hinter sich zu schließen.
Am Abend kehrte Sophie in ihre Wohnung zurück. Sie gehörte ihr nun nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Gefühl. Langsam ging sie durch die Zimmer, prüfte die Fenster, nahm die Mappe mit den Unterlagen vom Tisch und legte sie in eine Schublade. Danach öffnete sie den Kühlschrank, holte eine Wassermelone heraus, schnitt sich ein Stück ab und trat damit auf den Balkon.
Unten im Hof jagten Jugendliche einem Ball hinterher. Der Nachbar aus der Wohnung unter ihr stritt am Telefon mit jemandem über die Lieferung eines Schranks. Auf der Bank am Weg saßen zwei Frauen und sprachen über ihren Urlaub. Es war ein ganz gewöhnlicher Sommerabend, ohne große Versprechen, aber mit Platz für Ruhe, Ordnung und eigene Entscheidungen.
Ihr Handy leuchtete auf. Eine Nachricht von Felix: die erste Überweisung zur Rückzahlung der Schuld. Kurz darauf kam eine weitere Nachricht, diesmal von Philipp.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du das wirklich durchziehst.“
Sophie blickte auf den Bildschirm und lächelte schmal.
Sie antwortete nicht sofort. Zuerst aß sie das Stück Wassermelone zu Ende, wusch sich die Hände, legte das Messer ordentlich in den Abtropfständer und nahm erst dann wieder das Telefon.
Sie schrieb:
„Genau das war dein größter Irrtum.“
Mehr fügte sie nicht hinzu.
Denn Philipp hatte sich tatsächlich verrechnet. Er hatte geglaubt, er verlasse die Wohnung, um seine Frau zu bestrafen. In Wahrheit hatte er ihr etwas Seltenes geschenkt: die Möglichkeit zu hören, wie friedlich eine Wohnung werden kann, wenn ein Mensch geht, der seine Anwesenheit wie eine Ware behandelt.
Und nachdem Sophie diese Stille einmal gehört hatte, wollte sie sie nicht mehr gegen Drohungen, Kontrollen und fremde Schulden eintauschen.