— Und jetzt hör mir gut zu, Lukas Meier, — fuhr sie fort und machte noch einen Schritt auf ihn zu. — Eine Hochzeit wird es nicht geben. Ich werde mich nicht unter den Windeln meiner zukünftigen Schwiegermutter begraben lassen, nur weil mein zukünftiger Ehemann beschlossen hat, das sei meine Aufgabe. Ich wollte eine Familie. Keine lebenslange Zwangsarbeit.
— Wie wagst du es… — setzte er an, doch ihr Blick schnitt ihm den Satz ab.
— Und nun zu deiner Mutter. Du sorgst dich doch so sehr um sie, nicht wahr? Du bist doch der liebevolle Sohn. Wunderbar. Dann bekommst du jetzt die Gelegenheit, es zu beweisen. Bind dir eine Schürze um und erfülle deine Sohnespflicht. Du bist der Mann, der künftige Familienvorstand. Also los. Jeden Abend nach der Arbeit. Du wirst kochen, putzen, den Boden wischen, ihre Wäsche waschen. Und du wirst ihr die Windeln wechseln, Lukas. Vergiss die Windeln nicht. Schließlich ist sie deine Mutter. Deine Verantwortung. Deine Pflicht. Genau das hast du gesagt. Das sei die Grundlage. Das sei Respekt. Bitte schön — respektiere sie.
Sie sprach langsam, beinahe sorgfältig, als schlüge sie jedes einzelne Wort wie einen Nagel in Holz. Sie nahm ihm seine eigene Waffe aus der Hand — all seine Reden über Pflicht, Familie und Achtung — und richtete sie gegen ihn. Vor seinen Augen entwarf sie genau jene Zukunft, die er ihr so selbstverständlich zugedacht hatte.
Als sie geendet hatte, drehte sie sich ohne Hast um und ging in Richtung Flur. Sie rannte nicht. Sie knallte keine Türen. Sie ging einfach.
Lukas blieb stehen und sah ihr nach. Erst jetzt begann ihm etwas zu dämmern. Nicht, dass er sie verletzt hatte. Sondern dass die Welt, die er sich so bequem zurechtgebaut hatte, in einem einzigen Augenblick eingestürzt war. Und dass er selbst es gewesen war, der sie zum Einsturz gebracht hatte.
Laura nahm ihre Tasche und den Schlüsselbund von der kleinen Ablage. Er hörte, wie sie in ihre Schuhe schlüpfte. Er wollte ihr etwas zurufen, sie aufhalten, sie zurückbeordern — doch aus seiner Kehle kam kein Ton. Sein Mund war trocken.
Die Wohnungstür fiel leise ins Schloss.
Lukas Meier blieb allein in der Küche zurück. Langsam sah er sich um, als wäre ihm die vertraute Umgebung plötzlich fremd geworden. Sein Blick blieb an der Mikrowelle hängen. Darin stand noch immer die vergessene Lasagne. Abendessen für zwei.
Mechanisch ging er hinüber und öffnete die Tür. Der Geruch von kaltem, ausgetrocknetem Essen breitete sich in der Küche aus. Es roch nach etwas, das verdorben war. Nach einem Leben, das gerade aus der Spur geraten war.
Und zum ersten Mal an diesem Abend spürte er keinen Zorn. Keine Kränkung. Keine Empörung.
Nur eine rohe, lähmende Angst vor der Wirklichkeit, in der man ihn nun zurückgelassen hatte.
Allein.
Mit seiner Pflicht.