„In meiner Wohnung?“, brachte sie kaum hörbar hervor.
Ihre Kehle war trocken, die Worte wollten ihr nicht mehr richtig gehorchen.
„Wo denn sonst?“ Christina lächelte sorglos. „Familie ist schließlich dafür da, einander zu helfen.“
Felix nickte zustimmend und frühstückte weiter, als sei nichts Besonderes geschehen. Alexander senkte den Blick wieder auf sein Handy und tat so, als ginge ihn das alles nichts an. Diese Feigheit ihres Mannes traf Emilia beinahe stärker als Christinas Dreistigkeit.
„Wartet“, sagte sie und zwang sich, nicht die Fassung zu verlieren. „Das hier war als Übergang gedacht. Höchstens eine Woche.“
Ihre Hände zitterten. Emilia ballte sie zu Fäusten, um das Beben zu verbergen.
Christina schnaubte leise. „Solche Dinge ändern sich eben schnell, Emilia. Gewöhn dich lieber daran.“
Emilia ging in die Hocke und begann, die Scherben einzusammeln. Die scharfen Kanten stachen in ihre Finger, doch der Schmerz kam ihr seltsam fern vor. Ihre Gedanken überschlugen sich, und die Wirklichkeit verschwamm vor ihren Augen.
„Und in welchem Zimmer wollt ihr euch einrichten?“, fragte sie schließlich.
Christina antwortete ohne das geringste Zögern, als sei die Entscheidung längst gefallen.
„In dem Zimmer, das wir im Moment nutzen, natürlich“, erklärte Christina. „Es ist hell, praktisch geschnitten und einfach perfekt.“
„Das ist mein Arbeitszimmer“, entgegnete Emilia Peters. „Dort stehen mein Computer, meine Unterlagen, alles, womit ich mein Geld verdiene.“
Christina machte nur eine wegwerfende Handbewegung, als hätte Emilia etwas völlig Nebensächliches erwähnt. „Mach dir darum keinen Kopf, Emilia. Das lässt sich regeln. Ein Arbeitszimmer wirst du künftig ohnehin nicht mehr brauchen.“
Langsam richtete Emilia sich auf. In ihren zitternden Händen lagen noch immer die Scherben des Tellers. Die Selbstverständlichkeit, mit der Christina Lange über eine fremde Wohnung verfügte, war so dreist, dass Emilia für einen Augenblick die Worte fehlten. Es klang, als sei Christina hier die Eigentümerin – und Emilia nur ein lästiger Gast.
„Christina“, sagte sie schließlich gedehnt und sah ihre Schwägerin fest an. „Wie genau stellst du dir das eigentlich vor? Und vor allem: Wieso bist du überhaupt auf die Idee gekommen, dass ihr hier bleiben könnt?“
Christina setzte sich gerader hin, als bereite sie sich auf eine ernsthafte Verhandlung vor. „Was ist daran so schwer zu begreifen? Felix und ich haben genug davon, ständig zur Miete zu wohnen. Jeden Monat zahlt man Geld, und am Ende gehört einem trotzdem nichts.“
Felix Schmitt nickte zustimmend, während er das letzte Stück Brot in den Mund schob.
„Es reicht uns einfach“, fuhr Christina fort. „Immer gibt es Ärger mit Vermietern. Mal tropft irgendwo Wasser, mal beschweren sich die Nachbarn, mal passt ihnen sonst irgendetwas nicht.“
Emilia starrte sie an. Sie konnte kaum fassen, dass Christina das alles in einem Ton sagte, als spräche sie über schlechtes Wetter.
„Wir brauchen endlich ein richtiges Zuhause“, schloss Christina. „Einen Ort, an dem uns niemand vorschreibt, wie wir zu leben haben.“