Am selben Abend saß Laura zu Hause am Tisch und sortierte Unterlagen, als es erneut an der Tür klingelte. Sie stand auf, ging leise in den Flur und sah durch den Spion.
Draußen stand Daniel.
Sein Gesicht wirkte verzerrt, angespannt, beinahe fremd. Laura öffnete.
Daniel Weber stand auf der Schwelle. Er sah zerzaust aus, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Sein Atem ging schwer, als wäre er die Treppen hinaufgerannt.
„Du bist wirklich zu einer Anwältin gegangen?“, stieß er hervor, kaum dass die Tür offen war.
„Was geht dich das an?“
„Mich?“ Er machte einen Schritt nach vorn, doch Laura wich nicht zurück. „Man hat mich angerufen und gesagt, du hättest deine Schufa-Auskunft prüfen lassen! Begreifst du eigentlich, was du da machst? Willst du meine Mutter ins Gefängnis bringen?“
„Ich will wissen, warum Kredite auf meinen Namen laufen, die ich nie aufgenommen habe. Und ich will, dass diejenigen, die sie abgeschlossen haben, dafür geradestehen. Nach dem Gesetz.“
Daniel erstarrte. Seine Lippen wurden schmal und blass.
„Du wirst gar nichts beweisen“, sagte er leise. „Nichts. Meine Mutter ist krank. Sie hat Blutdruck, Herzprobleme. Wenn ihr etwas passiert, dann ist das deine Schuld. Verstehst du das? Hast du auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, was passiert, wenn sie im Krankenhaus landet? Oder wenn es schlimmer kommt? Kannst du damit leben?“
„Deine Mutter ist für ihre Gesundheit selbst verantwortlich“, erwiderte Laura. „Und für ihre Taten auch. Genau wie du.“
Daniel starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal.
„Du bist anders geworden. Früher warst du nicht so.“
„Früher hatte ich Angst“, sagte Laura. „Jetzt habe ich nichts mehr zu verlieren.“
Daniel presste die Kiefer aufeinander, drehte sich abrupt um und ging zum Aufzug. Laura schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Erst da merkte sie, wie schnell ihr Herz schlug.
Am nächsten Morgen rief Katrin Vogel um Punkt neun Uhr an.
„Frau Becker, die Anzeige ist fertig. Ich hole Sie in einer Stunde ab. Wir gehen gemeinsam zur Polizei.“
Laura zog einen schlichten Rock und eine weiße Bluse an, band die Haare zu einem festen Knoten und verließ die Wohnung. Vor dem Haus wartete Katrin bereits neben ihrem Wagen und telefonierte. Als sie Laura sah, nickte sie kurz, beendete das Gespräch und steckte das Handy weg.
„Es gibt Neuigkeiten“, sagte sie. „Ich habe Informationen zu einem der Kredite bekommen. Zu dem über vierhundert Euro. Raten Sie mal, auf wessen Konto die Summe überwiesen wurde.“
Laura musste nicht lange überlegen.
„Auf Brigitte Webers?“
„Ganz genau. Das Geld ging einen Tag nach Vertragsabschluss auf ihr Konto. Das ist ein sehr deutlicher Beleg. Nicht einmal die Mühe, Spuren zu verwischen, haben sie sich gemacht. Unsere Grundlage ist damit ziemlich solide. Kommen Sie.“
Sie stiegen ein und fuhren los.
Im Polizeirevier herrschte Betrieb. Stimmen hallten durch den Flur, irgendwo klingelte ein Telefon, ein Beamter trug Akten von einem Zimmer ins nächste. Katrin Vogel bewegte sich dort, als kenne sie jeden Winkel. Zielstrebig ging sie zu dem zuständigen Büro, begrüßte den diensthabenden Beamten und legte eine Mappe auf den Schreibtisch.