„Strafanzeige wegen Betrugs“, sagte sie sachlich. „In Betracht kommt insbesondere § 263 StGB. Die Beweismittel sind beigefügt.“

Der Beamte nahm die Anzeige entgegen, versah die Unterlagen mit einem Eingangsstempel und reichte Laura eine Bestätigung. Sie nahm das Blatt in die Hand und las die Vorgangsnummer.

In diesem Augenblick wurde alles endgültig. Nicht mehr Vermutung. Nicht mehr Angst. Nicht mehr stilles Erdulden. Jetzt gab es ein Verfahren.

Kaum waren sie wieder draußen, klingelte Lauras Telefon. Die Nummer war unterdrückt.

Sie nahm den Anruf an.

Aus dem Lautsprecher kam Brigitte Webers Stimme. Diesmal lachte sie nicht. Ihre Stimme war trocken, hart und giftig, wie ein eisiger Windstoß.

„Also bist du tatsächlich zur Polizei gelaufen“, sagte sie. „Na schön. Du wirst es noch bereuen. Glaub nicht, dass du allein Verbindungen hast. Ich kenne auch Leute. Du wirst noch merken, was du dir eingebrockt hast.“

Laura sagte kein Wort. Sie beendete den Anruf und legte das Handy ruhig in ihre Tasche zurück.

Katrin sah sie fragend an.

„Meine Schwiegermutter“, erklärte Laura. „Sie droht mir.“

„Gewöhnen Sie sich daran“, sagte Katrin nüchtern. „Das ist erst der Anfang. Sobald sie begreifen, dass Sie nicht mehr zurückschrecken, werden die Drohungen zunehmen. Danach kommen die Angebote. Entschuldigungen, Vergleiche, Versprechen. Und genau dann dürfen Sie nicht einknicken.“

Laura nickte.

Sie waren auf dem Weg zurück zur Kanzlei, als ihr Telefon erneut klingelte. Dieses Mal war es ihre Mutter.

„Laura? Wo bist du?“, fragte Monika Becker. Ihre Stimme zitterte.

„Mit Frau Vogel unterwegs. Was ist passiert?“

„Brigitte Weber ist hier aufgetaucht. Gerade eben. Sie sitzt unten auf der Bank vor dem Haus und sagt, sie gehe nicht weg, bis du die Anzeige zurücknimmst. Außerdem behauptet sie, ihr Herz mache nicht mehr mit, und wenn sie stirbt, wärst du schuld. Die Nachbarn stehen schon herum und schauen.“

Laura umklammerte das Telefon so fest, dass ihre Finger weiß wurden.

„Mama, schließ die Tür ab und geh nicht hinaus. Ich komme sofort.“

Als Laura und Katrin wenig später vor dem Haus ihrer Eltern ankamen, hatte sich vor dem Eingang bereits eine kleine Menschentraube gebildet. Ein paar ältere Frauen von den Nachbarbänken standen dort, eine junge Mutter mit Kinderwagen hielt inne, zwei Männer aus dem Nebenaufgang beobachteten die Szene. Alle blickten auf die Bank, auf der Brigitte Weber saß.

Sie hatte sich einen grauen Wollschal um den Hals gewickelt, trug eine dunkle Sonnenbrille und hielt sich mit der linken Hand demonstrativ die Brust. Ihr Auftreten war leidend, dramatisch, fast bühnenreif. Neben ihr stand eine geöffnete Handtasche, aus der eine Wasserflasche und eine Packung Tabletten herausragten.

Laura stieg aus dem Auto.

Brigitte hob sofort den Kopf und sprach mit lauter Stimme, damit auch wirklich jeder sie hören konnte.

„Da ist sie ja! Seht sie euch an, diese Frau! Meine eigene Schwiegertochter! Erst nimmt sie einer kranken alten Frau das Auto weg, jetzt zeigt sie mich auch noch bei der Polizei an. Sie will mich hinter Gitter bringen. Damit ich dort sterbe. Und wofür? Nur weil ich zu Ärzten fahren musste!“