Laura dachte nach. Plötzlich traf sie die Erinnerung wie ein Stromstoß.

„Im April sind Daniel und seine Mutter an die Ostsee gefahren. Sie behaupteten, Brigitte habe das Geld von ihrer Rente zurückgelegt. Im Juli kaufte Daniel sich einen neuen Laptop und sagte, er habe auf der Arbeit eine Prämie bekommen. Und im September stand bei Brigitte plötzlich eine neue Waschmaschine. Sie hat sogar vor den Nachbarinnen damit angegeben.“

Katrin notierte jedes Wort. Dann lehnte sie sich zurück und verschränkte die Hände.

„Da haben wir zumindest ein mögliches Motiv. Urlaub, Elektronik, Haushaltsgerät. Die Rechnungen gingen offenbar auf Ihre Identität. Sagen Sie, Frau Becker: Wissen Sie noch, wo Ihr Ausweis im April des vergangenen Jahres war? Hatte jemand Zugriff darauf?“

Laura schloss die Augen. Die Erinnerung kam langsam, aber deutlich. Damals hatte Daniel sie um ihren Ausweis gebeten. Er brauche eine Kopie für irgendwelche Unterlagen bei der Arbeit. Sie hatte nicht weiter nachgefragt und ihm das Dokument gegeben.

„Daniel hatte ihn“, sagte sie leise. „Er meinte, seine Firma verlange eine Ausweiskopie der Ehefrau für eine Versicherung.“

Katrin nickte, als hätte sie genau mit dieser Antwort gerechnet.

„Ein sehr typisches Muster. Es ist gut möglich, dass Ihre Unterschriften auf den Verträgen gefälscht wurden. Das lässt sich durch ein schriftvergleichendes Gutachten feststellen. Wenn sich der Verdacht bestätigt, bewegen wir uns nicht mehr nur im Familienrecht. Dann geht es um Straftaten nach dem Strafgesetzbuch, insbesondere Betrug und Urkundenfälschung.“

Im Raum wurde es still. Thomas Becker war der Erste, der das Schweigen brach.

„Was müssen wir tun, um das Verfahren in Gang zu bringen?“

„Zunächst erstatten wir Strafanzeige bei der Polizei“, erklärte Katrin. „Parallel dazu reichen wir zivilrechtlich Klage ein beziehungsweise beantragen die Feststellung, dass diese Kreditverträge Ihnen gegenüber unwirksam sind. Zusätzlich werden wir Schmerzensgeld beziehungsweise eine Entschädigung wegen der immateriellen Belastung prüfen und sämtliche Kosten geltend machen, die Ihnen durch diese Sache entstehen. Aber bevor wir beginnen, muss ich Sie eines fragen, Frau Becker: Sind Sie bereit, das bis zum Ende durchzuziehen? Denn sobald Daniel Weber und Brigitte Weber von der Anzeige erfahren, werden sie sich verteidigen. Und sehr wahrscheinlich werden sie noch härter zurückschlagen.“

Laura hob den Blick.

Vor ihrem inneren Auge tauchten die Schlüssel auf, die man ihr ins Gesicht geschleudert hatte. Dann der widerliche Eintrag in den sozialen Netzwerken. Und schließlich Brigitte Webers Lachen am Telefon, dieses kalte, triumphierende Lachen, das ihr noch immer in den Ohren klang.

„Ja“, sagte sie ruhig. „Ich bin bereit.“

Katrin Vogel nickte, als hätte sie genau diese Antwort erwartet.

„Gut. Dann legen wir los. Ich formuliere heute noch die Strafanzeige wegen Betrugs. Morgen reichen wir sie ein.“

Sie verließen die Kanzlei gegen Mittag. Der Regen hatte aufgehört, und zwischen den schweren Wolken brach ein blasses, kaltes Oktobersonnenlicht hervor. Laura ging neben ihrem Vater her und merkte, wie sich etwas in ihr verschob. Die Angst war noch da, aber sie zog sich zurück. An ihre Stelle trat eine nüchterne, eisige Entschlossenheit.