Laura öffnete die Anrufliste und las die Ziffern vor. Katrin tippte sie in ihr eigenes Telefon und stellte den Anruf auf Lautsprecher. Nach mehreren Freizeichen meldete sich eine Männerstimme.
„Ja?“
„Guten Tag. Katrin Vogel, Rechtsanwältin von Frau Laura Becker. Mit wem spreche ich?“
Am anderen Ende wurde es plötzlich unruhig. Ein Rascheln war zu hören. Dann sagte dieselbe Stimme, nun deutlich weniger selbstsicher:
„Und worum geht es Ihnen genau?“
„Um den Kreditvertrag Nummer dreihundertvierundzwanzig Schrägstrich fünfzehn“, erwiderte Katrin sachlich. „Nennen Sie mir bitte den vollständigen Namen Ihres Unternehmens, die ladungsfähige Anschrift sowie Ihre Registrierung beziehungsweise Zulassung für Inkassodienstleistungen.“
Für einige Sekunden herrschte Schweigen. Dann murmelte der Mann etwas Unverständliches und beendete das Gespräch.
Katrin legte das Telefon ruhig auf den Tisch und sah Laura an.
„Das war kein offizielles Inkassobüro. Das war eine vorgeschobene Person. Höchstwahrscheinlich jemand aus dem Umfeld Ihrer Schwiegermutter, der Sie einschüchtern sollte. Ein seriöser Inkassodienst muss sich eindeutig zu erkennen geben, das Unternehmen nennen und auf die Gesprächsdokumentation hinweisen.“
Laura atmete hörbar aus. Für einen Moment schien der Druck in ihrer Brust nachzulassen. Doch Katrin hob mahnend den Finger.
„Trotzdem bedeutet das nicht, dass es keinen Kredit gibt. Daniel Weber und Brigitte Weber könnten mithilfe einer Kopie Ihres Ausweises tatsächlich Darlehen beantragt haben, etwa online oder über kleinere Finanzdienstleister. Leider kommt so etwas vor. Wir werden das prüfen.“
Sie zog die Tastatur näher heran und begann zu tippen. Nach einigen Minuten drehte sie den Bildschirm so, dass Laura mitlesen konnte.
„Mit Ihrer schriftlichen Einwilligung habe ich eine Auskunft über Ihre gespeicherten Kreditdaten eingeholt. Sehen Sie hier. Es gibt tatsächlich Zahlungsrückstände. Und zwar nicht nur einen.“
Laura beugte sich vor. Als sie die Zeilen auf dem Bildschirm erkannte, hatte sie das Gefühl, der Boden verschwinde unter ihren Füßen.
Dort standen drei Einträge. Der erste betraf einen Ratenkredit über eintausendeinhundertzwanzig Euro, abgeschlossen im April des Vorjahres. Der zweite war ein Kleindarlehen über vierhundert Euro aus dem Juli. Der dritte Eintrag wies eine Kreditkarte mit einem Verfügungsrahmen von fünfhundert Euro aus, aktiviert im September.
„Ich habe nichts davon beantragt“, brachte Laura hervor. Es war kaum mehr als ein Flüstern.
Thomas Becker rückte näher an den Bildschirm heran und starrte auf die Angaben.
„War das alles Daniel?“
„Wir sollten noch keine voreiligen Schlüsse ziehen“, sagte Katrin und hob die Hand. „Zuerst brauchen wir belastbare Fakten. Aber die Daten sind auffällig. Alle drei Verträge wurden in einem Zeitraum abgeschlossen, in dem Sie bereits verheiratet waren. Und den Summen nach zu urteilen, ging es vermutlich nicht um gemeinsame Haushaltsausgaben, sondern um private Anschaffungen oder Vergnügen. Frau Becker, ist Ihnen im vergangenen Jahr aufgefallen, dass Daniel oder seine Mutter größere Ausgaben hatten? Irgendetwas, das nicht zu ihren üblichen finanziellen Möglichkeiten passte?“