Die Richterin, eine Frau um die fünfzig mit müden Augen und streng zusammengebundenem Haar, eröffnete die Sitzung. Katrin Vogel erhob sich und trug die Klage vor. Sachlich, klar, ohne unnötige Ausschmückungen. Betrug. Gefälschte Unterschriften. Drei Kredite über insgesamt rund zweitausendzwanzig Euro. Forderung nach Erstattung. Entschädigung. Feststellung der Unwirksamkeit der Verträge.
Als die Anwältin fertig war, wandte sich die Richterin an Brigitte Weber.
„Frau Weber, Sie haben das Wort.“
Brigitte erhob sich. Ihre Hände zitterten so stark, dass man es bis zur anderen Seite des Saals sehen konnte. Sie öffnete den Mund, brachte zunächst keinen Ton hervor und brach dann plötzlich in lautes Schluchzen aus. Tränen liefen ihr über die Wangen, sie wischte sie mit fahrigen Bewegungen weg.
„Ich bin nicht schuld!“, rief sie. „Man hat mich doch selbst getäuscht! Ich dachte, das geht so! Ich dachte, innerhalb der Familie macht man das eben! Ja, ich habe das Geld ausgegeben, aber ich bin krank, ich brauche Behandlung! Ich zahle alles zurück! Alles!“
Die Richterin klopfte mit ruhiger Bestimmtheit auf den Tisch.
„Frau Weber, beruhigen Sie sich bitte. Setzen Sie sich.“
Brigitte sank auf die Bank zurück, doch ihr Schluchzen dauerte an. Daniel saß neben ihr wie versteinert, bleich, mit fest zusammengepressten Lippen.
Dann wurde er aufgefordert, sich zu äußern. Er stand auf, zupfte am Kragen seines Hemdes und begann mit leiser, beinahe unverständlicher Stimme zu sprechen.
„Ich gebe es zu. Ja, wir haben die Kredite abgeschlossen. Ja, ohne Lauras Wissen. Aber ich wollte nicht, dass es so endet. Meine Mutter sagte, es sei nur vorübergehend. Sie meinte, wir würden alles schnell zurückzahlen. Und dann… dann geriet alles außer Kontrolle. Ich habe mich verstrickt. Ich wollte Laura nicht schaden.“
Die Richterin sah ihn über den Rand ihrer Brille hinweg an.
„Und wer sollte Ihrer Meinung nach die Raten für Kredite bezahlen, die auf den Namen Ihrer Ehefrau liefen?“
Daniel ließ den Kopf sinken.
„Ich weiß es nicht“, murmelte er. „Ich habe nicht darüber nachgedacht.“
Für einen Augenblick war es vollkommen still im Saal.
Nach etwa einer Stunde verkündete das Gericht die Entscheidung. Die Kreditverträge wurden für unwirksam erklärt. Daniel Weber und Brigitte Weber wurden verpflichtet, die verbrauchten Summen zu ersetzen. Außerdem wurde Laura eine Entschädigung in Höhe von fünfhundert Euro zugesprochen.
Während die Richterin den Tenor verlas, sprang Brigitte Weber plötzlich auf. Ohne auf das Ende der Verkündung zu warten, verließ sie den Saal. Ihre Schritte hallten über den Flur.
Daniel blieb noch einen Moment stehen. Dann warf er Laura einen schnellen, bitteren Blick zu.
„Bist du jetzt zufrieden?“
Laura erwiderte seinen Blick ohne auszuweichen.
„Nein, Daniel. Zufrieden bin ich nicht. Aber ich bin ruhig. Jetzt ist es gerecht.“
Er öffnete den Mund, als wolle er noch etwas sagen, doch dann wandte er sich ab und ging.
Thomas Becker legte seine Hand um Lauras Finger.
„Komm, meine Tochter. Jetzt fahren wir nach Hause.“