„Stimmt. Ganz allein. Und es gefällt mir.“
Helga Krüger schüttelte bewundernd den Kopf.
„Gut gemacht. Ich erinnere mich noch, was hier vor einem halben Jahr los war. Und jetzt ist Ruhe.“
„Ruhe ist etwas Schönes“, sagte Laura und küsste ihre Mutter auf die Wange.
Gemeinsam gingen sie nach oben. Thomas Becker saß am Küchentisch und las Zeitung. Als Laura hereinkam, legte er die Zeitung weg und nahm die Brille ab.
„Da bist du ja. Wie geht es dir?“
„Gut, Papa. Daniel war heute bei mir.“
Thomas runzelte die Stirn.
„Wollte er zurück?“
„Ja.“
„Und?“
„Ich habe Nein gesagt.“
Ihr Vater schwieg kurz. Dann nickte er.
„Richtig so.“
Monika goss Tee ein und stellte eine Schale mit Keksen auf den Tisch. Sie saßen zu dritt zusammen und redeten über alltägliche Dinge: Arbeit, Einkäufe, das Wetter, Pläne für den Sommer.
„Ich nehme mir Urlaub“, sagte Laura. „Und dann fahre ich in den Süden. Mit meinem Auto. Allein.“
Ihre Eltern wechselten einen Blick.
„Hast du denn keine Angst, so allein zu fahren?“, fragte Monika.
Laura schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich habe vor nichts mehr Angst.“
Thomas Becker lächelte unter seinem Schnurrbart.
„Das ist meine Tochter.“
Als Laura später aufbrach, stand die Sonne bereits tief. Sie setzte sich hinters Steuer, ließ das Fenster herunter und atmete die Abendluft ein. Im Rückspiegel bemerkte sie eine vertraute Gestalt. Auf einer entfernten Bank vor dem Nachbarhaus saß Brigitte Weber. Allein. Ohne die übliche Gruppe von Zuhörerinnen um sich herum. Sie sah direkt zu Laura hinüber, doch sie rührte sich nicht und rief auch nichts.
Laura startete den Motor und fuhr langsam aus dem Hof. Sie musste nicht hupen, niemanden umfahren, nicht anhalten. Sie sah einfach nach vorn.
Eine halbe Stunde später parkte sie vor einem Einkaufszentrum. Im Schaufenster eines Autozubehörladens brannte noch Licht. Laura ging hinein und kaufte einen leuchtend roten Lenkradbezug. Als sie zum Wagen zurückkam, zog sie ihn sorgfältig über das Lenkrad, strich mit der Hand darüber und lächelte.
Es war ein Geschenk.
Für sich selbst.
Für ihren Mut. Für ihre Geduld. Für ihr neues Leben.
Sie startete den Motor, schaltete ihren Lieblingsradiosender ein und fuhr nach Hause. Vor ihr lag ein milder Maiabend — und ein ganzes Leben, das sie von nun an selbst wählen würde.