Lina hörte auf zu kauen. Erst sah sie mich an, dann Hannah Lehmann. Die Stille dauerte vielleicht drei Sekunden, mir kam sie vor wie eine ganze Minute.
„Hannah Lehmann“, sagte ich und stellte meine Tasse ab, „in acht Jahren haben Sie noch nie auch nur einen Krümel auf dem Teller gelassen. Nicht beim Eintopf, nicht beim Hähnchen, nicht bei den Frikadellen. Vielleicht ist die Schuhsohle gar nicht so schlecht.“
Hannah Lehmann lief dunkelrot an. Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Aus dem Zimmer rief Michael:
„Julia, jetzt reicht’s aber!“
Lina sagte nichts. Sie aß ihr Stück zu Ende. Dann nahm sie sich ein zweites.
„Sehr lecker“, sagte sie und sah dabei Hannah Lehmann direkt an.
Nach dem Mittagessen fuhr meine Schwiegermutter weg. Ohne sich zu verabschieden. Lina half mir, den Tisch abzuräumen, und in der Küche wurde es still.
Ich ließ mich auf den Hocker sinken. Meine Hände griffen ganz von selbst nach der Schürze. Ich faltete sie, strich den Stoff glatt, faltete ihn wieder auseinander und begann von vorn.
„Ist sie immer so?“, fragte Lina Meier leise.
„Seit acht Jahren“, sagte ich. „Jeden Samstag.“
Lina schüttelte nur den Kopf. Mehr sagte sie nicht. Aber manchmal wiegt das Schweigen einer Freundin schwerer als jeder Satz.
Am Abend rief Michael seine Mutter an. Zwanzig Minuten lang sprach er mit ihr. Danach kam er in die Küche zurück und erklärte:
„Sie ist verletzt. Du hast sie vor einer fremden Person bloßgestellt.“
Vor einer fremden Person. Lina war meine Freundin. Seit fünfzehn Jahren kannten wir uns. Aber dass Hannah Lehmann mich vor ihr kleinmachte, galt offenbar als ganz normal.
Ich schlug mein Notizbuch auf. Samstag, der zwölfte Oktober. Lebensmittel: ungefähr achtunddreißig Euro. Arbeitszeit: sechs Stunden, mit Teig. Ergebnis: „Schuhsohle“ vor meiner Freundin.
Michael ging schlafen. Ich blieb am Küchentisch sitzen und rechnete. Vier Samstage im Monat. Acht Jahre. Dreihundertvierundachtzig Samstage. Für jeden Einkauf vierzig bis fünfzig Euro. Am Ende kam eine Summe heraus, die weit über fünfzehntausend Euro lag. Ich rechnete noch einmal nach. Dann ein drittes Mal.
Am nächsten Samstag stand Hannah Lehmann wieder vor der Tür, als wäre nichts geschehen. In ihrer Tasche klapperte dieselbe Pfeffermühle.
Der dritte Samstag im November. Um sechs Uhr war ich wach. Draußen hing der Himmel grau und nass über den Fenstern, und am liebsten wäre ich unter der Decke geblieben. Trotzdem stand ich auf. Michael hatte am Abend zuvor gesagt: „Mama kommt diesmal nicht allein. Karoline Fuchs und Emma Krüger sind auch dabei.“
Karoline war seine Schwester. Emma, seine Nichte, war neunzehn. In meinem ganzen Leben hatte ich die beiden dreimal gesehen. Zuletzt vor vier Jahren auf Hannah Lehmanns Geburtstag. Damals hatte Karoline meinen Salat probiert und gemeint: „Na ja, für zu Hause geht’s.“
Ich ging zum Markt. Rindfleisch, Schweinefleisch für Frikadellen, Gemüse für den Salat, Schmand, Kräuter. Danach noch in den Laden: Brot, Butter, Käse für die Platte. Dann nach Hause, direkt an den Herd.