Kein gutes Zeichen.
Mit zitternden Fingern riss sie ihn auf.
„Julia, ich werde für eine Weile bei meinen Eltern bleiben. Ich muss über uns nachdenken. Über unsere Zukunft. Mama ist sehr verletzt wegen deiner Weigerung. Sie glaubt, du hättest keinen Respekt vor unserer Familie. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll. Vielleicht sollten wir unsere Beziehung wirklich noch einmal grundsätzlich überdenken. L.“
Julia las die wenigen Zeilen wieder und wieder, bis die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Das war so typisch Leon. Selbst jetzt brachte er es nicht fertig, anzurufen oder ihr gegenüberzutreten. Stattdessen versteckte er sich hinter einem Blatt Papier, hinter Andeutungen und unausgesprochenen Vorwürfen.
Unsere Beziehung überdenken.
Was sollte das heißen? Trennung? Scheidung?
Sie nahm ihr Handy, suchte Leons Nummer und ließ den Daumen über dem Anrufsymbol schweben. Doch was hätte sie sagen sollen?
Komm zurück, ich verkaufe die Wohnung?
Entschuldige, dass ich unsere Zukunft nicht opfern will, nur weil deine Mutter unverantwortlich handelt?
Ich liebe dich, aber ich lasse mich nicht erpressen?
Schließlich rief sie nicht an. Sie öffnete den Messenger und schrieb nur: „In Ordnung. Denk nach. Aber vergiss nicht: Das ist deine Entscheidung, nicht meine.“
Eine Antwort kam nicht.
Eine Woche verging. Julia ging zur Arbeit, kehrte abends in die leere Wohnung zurück, kochte für sich allein und ließ irgendwelche Serien laufen, deren Inhalt sie kaum wahrnahm. Leon meldete sich nicht. Kein Anruf, keine Nachricht.
Zweimal sah sie verpasste Anrufe von Andrea Böhm auf dem Display. Zurückrufen wollte sie nicht. Was hätte sie sagen sollen? Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie nicht vor den Folgen Ihrer eigenen Dummheiten retten möchte?
Am Freitag, als Julia von der Arbeit nach Hause kam, entdeckte sie vor dem Hauseingang ein bekanntes Auto: den alten Toyota von Leons Vater. Ihr Herz setzte für einen Moment aus.
Waren sie etwa alle gekommen, um sie mit Tränen und Vorwürfen weichzuklopfen? Oder hatte Leon endlich begriffen, was er tat, und war zurückgekehrt?
Julia stieg die Treppen hinauf. Vor ihrer Wohnungstür blieb sie abrupt stehen.
Dort wartete nicht Andrea Böhm. Dort stand ihr Schwiegervater, Thomas Walter.
Er war ein schwerer Mann mit müdem Gesicht und lichtem, grauem Haar. Seit seinem Schlaganfall hing seine rechte Gesichtshälfte ein wenig herab, und die Hand gehorchte ihm nur noch schlecht. Er verließ das Haus selten.
„Thomas Walter?“ Julia trat näher, überrascht und beunruhigt zugleich. „Ist etwas passiert?“
Er sah sie mit einem Ausdruck an, den sie nicht sofort deuten konnte. Schuld lag darin, vielleicht auch Hilflosigkeit.
„Wir müssen reden, Julia“, sagte er leise. „Unter vier Augen.“
Kurz darauf saßen sie in der Küche. Julia hatte Tee aufgegossen und eine Packung Kekse auf den Tisch gestellt. Thomas Walter schwieg lange. Seine Finger umklammerten die Tasse, als suche er Halt an ihr. Erst nach einer Weile stieß er einen schweren Atemzug aus.
„Andrea weiß nicht, dass ich hier bin. Leon auch nicht.“