— Ich habe dich jahrelang durchgefüttert! Ich habe dir alles ermöglicht! Und wo bleibt deine Dankbarkeit?! — brüllte er. — Du bist ja nicht einmal imstande, diese Familie ordentlich zu versorgen!

Mia arbeitete zwölf Stunden täglich, versuchte alte Kontakte wiederzubeleben und den verlorenen beruflichen Anschluss aufzuholen. Zu Hause erwarteten sie dagegen schmutziges Geschirr, ein leerer Kühlschrank und ein betrunkener Ehemann, der nur Forderungen stellte.

Das Schlimmste war, dass Lukas nicht einmal ernsthaft nach Arbeit suchte. Ganze Tage verbrachte er im Internet und schmiedete Rachepläne gegen Christian. Er las Foren, in denen über ihre frühere Firma diskutiert wurde, verfasste anonyme Anzeigen an das Finanzamt und suchte verbissen nach belastendem Material.

— Ich mache ihn fertig — murmelte er, während er auf den Bildschirm seines Laptops starrte. — Ich zeige allen, wer er wirklich ist.

— Lukas — begann Mia behutsam —, vielleicht solltest du dich lieber auf Bewerbungen konzentrieren? Ich kenne ein paar Firmen, bei denen…

— Halt den Mund! — fuhr er sie wütend an. — Du verstehst überhaupt nichts! Erst rechne ich mit diesem Dreckskerl ab, und danach…

Doch dieses „Danach“ kam nie.

Nachts weinte Mia im Badezimmer, damit Lukas es nicht hörte. Sie weinte vor Erschöpfung, vor Demütigung und vor Schmerz darüber, dass der Mann, den sie geliebt hatte, zu einem bösartigen, ungerechten und völlig fremden Menschen geworden war.

Trotz allem blieb Mia. Sie redete sich ein, es sei nur eine schwierige Phase. Lukas müsse diese Krise lediglich überstehen, dann würde er wieder der Mann werden, den sie einmal gekannt hatte.

Dann kam jener Tag, an dem in ihr etwas endgültig zerbrach.

Mia saß noch im Büro und arbeitete an einem Konzept für einen wichtigen Kunden. Die Abgabe war für den nächsten Morgen angesetzt, doch die Unterlagen des Designers waren erst vor knapp einer Stunde bei ihr eingetroffen. Ihr war klar: Wenn sie das Projekt retten wollte, würde sie bis tief in den Abend bleiben müssen.

Um sieben klingelte ihr Handy.

— Ja? — meldete sie sich erschöpft.

— Um acht bist du zu Hause — sagte Lukas mit gereizter Stimme. — Daniel und Jakob kommen vorbei. Du machst Fleisch, und Bier bringst du auch mit. Verstanden?

— Lukas, ich habe heute eine dringende Abgabe. Ich schaffe es nicht…

— Was? — Seine Stimme wurde plötzlich leise, gefährlich leise.

— Ich muss morgen früh ein wichtiges Projekt einreichen. Ich kann nicht um acht zu Hause sein.

— Dein Projekt interessiert mich nicht! Du hast hier zu sein!

Dann legte er auf.

Mia starrte auf das dunkel gewordene Display. Im Büro war inzwischen niemand mehr. Alle anderen waren längst gegangen, nur sie saß noch über den Entwürfen, den Rücken gekrümmt, und versuchte, diese Arbeit fertigzubekommen, die der Agentur einen großen Auftrag sichern konnte.

Gegen halb neun klingelte das Telefon erneut.

— Wo treibst du dich herum?! — brüllte Lukas, kaum dass sie abgehoben hatte. — Ich habe dir gesagt, dass ich heute Gäste habe!

Mia schwieg. Sie hörte sich sein Geschrei an, seine Beleidigungen, seine Vorwürfe. Er nannte sie egoistisch, warf ihr vor, ihn nicht zu respektieren, und erklärte ihr, was für eine schlechte Ehefrau sie sei.