„Emilia, bei uns wurden die Boni gekürzt. Übernimm du diesmal bitte die Rechnungen“, bat er und wich meinem Blick aus.
Ich verdiente mehr als er. Außerdem hatte ich ein eigenes Sparkonto, von dem Leon nichts wusste. Also stopfte ich die Lücken, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Nur blieben seine „vorübergehenden Schwierigkeiten“ nicht vorübergehend. Sie zogen sich über zwei Jahre hin. Ich trug praktisch alle grundlegenden Kosten: Kreditraten, Haushaltsgeräte, Renovierungen. Leon verwendete sein Einkommen hingegen fast ausschließlich für sich selbst.
Und dann kam jenes Gespräch auf dem Balkon, das plötzlich alles an seinen Platz rückte.
Als die beiden wieder in die Küche zurückkehrten, deckte ich bereits ruhig den Tisch. Nicole Roth musterte mich mit einem gönnerhaften Blick.
„Danke für das Abendessen, Emilia. Wir werden jetzt wohl gehen. Leon, bringst du mich noch bis zur Haltestelle?“
Sie verschwanden. Ich setzte mich auf den Hocker in der Küche. Keine Tränen. Keine Szene. Nur ein Plan, klar und kalt.
Am nächsten Morgen bat ich im Büro um ein paar Stunden frei und fuhr zu demselben Anwalt, der damals unseren Vertrag aufgesetzt hatte. In seinem Arbeitszimmer roch es nach altem Papier und nach warmem Kunststoff aus dem Drucker. Der ältere Herr im dunklen Anzug nahm mein Exemplar des Vertrags und las es aufmerksam durch.
„Bei Ihnen ist alles sauber geregelt“, sagte er schließlich und schob seine Brille zurecht. „Sie haben den Hauptbetrag eingebracht, sämtliche Überweisungen sind dokumentiert. Der Vertrag ist juristisch sehr solide. Ihn anzufechten wäre nahezu aussichtslos.“
„Und meine erste Wohnung? Die von meinen Eltern? Könnte er versuchen, daran einen Anteil zu bekommen?“, fragte ich.
Der Anwalt schüttelte den Kopf.
„Ausgeschlossen. Diese Wohnung wurde vor der Eheschließung erworben. Sie ist Ihr persönliches Eigentum.“
Draußen blieb ich einen Augenblick auf dem Gehweg stehen. Die Luft kam mir plötzlich klarer vor, beinahe kühl und rein, als hätte jemand ein Fenster in meinem Kopf geöffnet. Ein Punkt war noch übrig, der endgültig erledigt werden musste: der Kredit für unsere gemeinsame Wohnung. Bis zur vollständigen Ablösung fehlte genau die Summe, die ich in den vergangenen drei Jahren heimlich zusammengespart hatte — mit zusätzlichen Nachtschichten, zurückgelegten Prämien und jedem Euro, den ich nicht ausgegeben hatte.
Zwei Stunden später saß ich bereits in der Bank vor einer Kundenberaterin. Antrag auf vorzeitige Rückzahlung. Überweisung von meinem separaten Rücklagenkonto. Als der Stempel auf die Bescheinigung über die Schuldenfreiheit gedrückt wurde, klang dieses trockene Geräusch für mich schöner als jede Musik. Die Wohnung war nun endgültig frei. Und sie gehörte mir.
Leon Baumann erfuhr davon kein Wort. Ich beschloss, ihr Spiel mitzuspielen — nur diesmal nach meinen Regeln. In den folgenden Tagen gab ich mich als perfekte Ehefrau. Ich kochte aufwendige Abendessen, lächelte an den richtigen Stellen und stellte keine einzige Frage zu Geld oder Ausgaben. Leon wurde dadurch spürbar sorgloser. Er erlaubte sich immer öfter grobe Bemerkungen, mäkelte an Kleinigkeiten herum und suchte Streit, wo keiner war. Offenbar bereitete er bereits den Boden dafür, mich später als Schuldige an der Trennung darzustellen.