Nur hatten sie in ihrem Rausch ein entscheidendes Detail vergessen. Mein Beruf hatte mir beigebracht, nicht in Gefühlen zu denken, sondern in Zahlen, Paragrafen, Fristen und Verträgen. Und eines verzieh ich nie: wenn jemand versuchte, mich mit plumper Erpressung gefügig zu machen.

Am nächsten Morgen zog ein kühler Herbstwind durch die Straßen. Zielstrebig ging ich auf ein massives Bürogebäude in der Innenstadt zu. In meiner Ledertasche lagen die Ausweisdokumente, die Kontodaten der Finanzunternehmen und der Bank sowie die Kreditverträge, die Markus mir in seiner Selbstsicherheit geradezu bereitwillig überlassen hatte. Doch ich steuerte nicht etwa eine gewöhnliche Filiale an, um dort Geld einzuzahlen. Stattdessen fuhr ich mit dem Aufzug in die obere Etage einer angesehenen Kanzlei, wo mich in einem hellen Besprechungsraum mein alter Studienfreund erwartete: Lukas Lange, inzwischen ein glänzender Anwalt für Gesellschafts- und Vertragsrecht.

„Hallo, Laura Krüger“, begrüßte er mich und musterte mich aufmerksam, während er einen dicken Stapel sauber ausgedruckter Unterlagen zu mir herüberschob. Von den frischen Seiten stieg ein feiner Geruch nach Druckerschwärze auf. „Bist du dir wirklich sicher? Wenn wir das jetzt in Gang setzen, gibt es kein Zurück mehr.“

„Vollkommen sicher, Lukas“, antwortete ich und nahm den Stift in die Hand. „Ich habe jedes Detail durchdacht. Bereite alles vor.“

Ich hatte nicht vor, meine hart erarbeiteten Ersparnisse einfach dieser Ansammlung von Egoisten in den Rachen zu werfen. Bereits am Vorabend hatte ich Lukas angerufen und ihm die ganze Situation geschildert. Er hatte sofort gehandelt und noch in derselben Nacht mit den Gläubigern von Antonia Schubert verhandelt. Die Unternehmen waren mehr als erleichtert, eine praktisch aussichtslose Forderung loszuwerden, die sie sonst mühsam und über lange Zeiträume hinweg hätten eintreiben müssen.

Für meine 20.000 Euro bezahlte ich ihre Schulden nicht.

Ich kaufte sie.

Durch einen Abtretungsvertrag, also die rechtlich saubere Übertragung der Forderungsrechte, gingen sämtliche Ansprüche gegen Antonia Schubert nun offiziell und vollständig auf mich über. Einschließlich der aufgelaufenen Zinsen, der angesammelten Mahngebühren und der saftigen Vertragsstrafen wegen der monatelangen Zahlungsrückstände. Und das Wichtigste daran: Die Bürgschaft von Markus Gross blieb selbstverständlich bestehen. Er haftete weiterhin mit seinem eigenen Vermögen für die Schulden seiner Schwester.

Von diesem Moment an schuldeten mein Mann und seine unreife Verwandte das Geld nicht mehr irgendeinem gesichtslosen Finanzinstitut.

Sie schuldeten es mir persönlich.

Auf jeder letzten Seite setzte ich meine breite, entschlossene Unterschrift. Lukas prüfte noch einmal die Reihenfolge der Unterlagen und versah die Dokumente anschließend mit routinierter Sicherheit mit dem offiziellen Kanzleistempel.

„Die Klagen auf Forderungseinzug und die Anträge auf einstweilige Sicherungsmaßnahmen sind bereits vollständig vorbereitet“, erklärte er, während er meine Papiere ordentlich in einen festen weißen Umschlag schob. „Nach § 398 BGB bist du jetzt die rechtmäßige Gläubigerin. In einer Stunde bringt mein Assistent den kompletten Schriftsatz zum Gericht. Die Sache ist eindeutig, alle Nachweise liegen vor. Morgen früh werden ihre Konten durch gerichtliche Anordnung zuverlässig gesperrt sein.“